„Gott ist tot al gut.“

cover a proposWas bedeutet der Spruch an der Wand?

Als ich die freundliche Einladung erhielt, mit einem Text zur Feier von Richard Fabers Geburtstag beizutragen, war mir rasch klar, dass dieser Text ein Thema zum Inhalt haben müsse, das mir von Richard erschlossen, dessen Bedeutung und Differenziertheit durch sein Denken klar gemacht wurde. Unter denen, auf die das zutrifft, habe ich eines ausgewählt: die religiöse, politische und kulturelle Bedeutung der Spruchgattung. Und da auch dieses Thema in sich vielfältig und nicht in wenigen Seiten fassbar ist, stelle ich es in einen ganz bestimmten Zusammenhang: Im folgenden Text, der mehr erzählenden als essayistischen Charakter hat, geht es um Wandsprüche, die im digitalen Zeitalter zu Bildschirmsprüchen mutieren.

Spruchtücher:
Zum ersten Mal begegnete ich einem Wandspruch als Kind im Wohnzimmer meiner Großeltern. Dort hing über dem Sofa ein Wandschoner, auf den ein Satz gestickt war. Ich konnte noch nicht lesen und wollte von meiner Großmutter wissen, was der Satz bedeute. Sie erklärte mir, dass es ein Spruch sei, der in der Bibel steht. „Jesus, der Sohn Gottes, hat das zu den armen Menschen gesagt, als sie zu ihm gekommen sind und bei ihm Hilfe gesucht haben. So kannst auch Du jederzeit zu Jesus kommen und zu ihm beten, wenn Du Hilfe brauchst.“ – „Und was steht dort? Lies es mir vor!“ entgegnete ich ungeduldig, denn ich wollte endlich wissen, was dort steht. Sie las mir den Satz vor: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Meine Neugier war damit bei weitem noch nicht gestillt, und ich löcherte meine Großmutter weiter: „Was heißt ‚mühselig’? Und womit waren die beladen? Mit schweren Kisten oder mit Säcken? Hat er ihnen die abgenommen? Warum glaubten sie, dass ausgerechnet Jesus ihnen helfen würde?“ Usf. Was die Großmutter darauf geantwortet hat, ob sie Geduld hatte oder verärgert war – das weiß ich nicht mehr. In meiner Erinnerung geblieben sind der Spruch Jesu auf dem Stoff und die Neugier, die er bei mir hervorgerufen hatte. Später lernte ich zu lesen. Im Religionsunterricht begegnete ich der Bibel als Buch, und ich gewöhnte mich daran, in ihr zu lesen. Heute ist das Lesen in jenem Buch, das schlicht Buch heißt, zu einem Teil meines Berufes und meines Lebens geworden.

Meine Großmutter war die Tochter eines Bauern und eine fromme Frau. Sie konnte lesen, etwas mühsam zwar, weil sie ungeübt war. Aber immerhin. Dennoch hat sie nie in der Bibel gelesen. Die Sätze der Bibel kannte sie aus den Lesungen im Gottesdienst und aus der Predigt des Pfarrers. Am besten kannte sie aber jene Sätze, die im Haus ihrer Eltern und in ihrer eigenen Wohnung an der Wand hingen. Bestickte Tücher: Schmucktücher, mit denen in der Küche die Geschirrtücher verhängt wurden, Wandschoner über dem Sofa oder dem Ehebett, Altartücher für die Station bei der Fronleichnamsprozession („Ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund!“), das Tuch für jenen Tisch, der bereitstand, wenn der Pfarrer ins Haus kam, um einem Sterbenden die „letzte Ölung“ zu geben. Auf diese Weise war die Religion im Alltagsleben meiner Großeltern gegenwärtig. Meine Mutter behielt einige von jenen Tüchern nach dem Tod der Eltern und der Schwiegereltern – als Andenken an sie. Ihren religiösen Sinn, den Inhalt der Sprüche, die aufgestickt waren, beachtete sie nicht. Ich habe in den Wäscheschränken meiner Mutter nach ihrem Tod noch zwei dieser Tücher gefunden. Sie wecken ein historisches Interesse in mir. Denn sie verdeutlichen, wie groß die Kluft zwischen meiner bürgerlich-religiösen Kultur und der bäuerlichen Religion meiner Großeltern geworden ist.

Spruch und Geschichte:
Unter den Sprüchen, die auf jenen Tüchern zu lesen waren, die ich aus den Wohn- und Schlafzimmern meiner Kindheit in Erinnerung habe, findet sich ein großer Teil mit religiösem Inhalt. Das überrascht nicht, wenn man sich bewusst macht, welche Bedeutung die Religion im Leben der Landbevölkerung noch bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte. Neben biblischen Sprüchen finden sich Gebetsrufe wie: „Herr erbarm dich unser!“ oder „Hl. Maria bitt’ für uns!“. In jenen Sprüchen, die nicht vorgeformt sind, die also nicht der Bibel, liturgischen Texten oder Litaneien entnommen wurden, fallen mir zwei Themen auf, die besondere Bedeutung haben: der Schutz für Haus und Hof sowie die Auseinandersetzung mit dem Tod. Unter den Schmucktüchern, die meine Mutter von ihrer Mutter geerbt hatte, befand sich eines mit dem Spruch: „Gott schütze unser trautes Heim und lasse uns auf Erden in Treue glücklich sein!“ Beide Themen deuten darauf hin, dass diese Sprüche nicht nur eine spezifisch christliche Tradition zum Ausdruck bringen. Vielmehr lässt sich dahinter eine noch ältere religiöse Wurzel von Bann- und Segenssprüchen vermuten, die Tod, Krankheit und schlimme Geister vom Hof fernhalten sollten. Aber multireligiöse Ursprünge und die Integration von Spruchtraditionen aus einem andern religiösen oder kulturellen Umfeld sind für religiöse Sprüche nicht außergewöhnlich. Schon die Spruchtraditionen im Judentum standen in einem multikulturellen Umfeld und an den Schnittstellen verschiedener Religionen. Eine Geschichte aus dem Buch Daniel, einem Prophetenbuch, das sich intensiv mit den Erfahrungen der Israeliten im babylonischen Exil beschäftigt, soll das Gesagte verdeutlichen: Im 5. Kapitel des Buches Daniel wird die Geschichte von jenem Gastmahl erzählt, das der babylonische König Belsazar seinem Hof ausrichtete. Er benutzte dafür die goldenen und silbernen Gefäße, die sein Vater bei der Eroberung Jerusalems aus dem Tempel nach Babel gebracht hatte. Während des Gelages erschienen Finger einer Menschenhand und schrieben auf die Wand des Palastes. Da erschrak der König und ließ die Weisen und Zeichendeuter seines Reiches holen, damit sie die Schrift deuteten. Da sie alle nicht fähig waren, die Schrift zu lesen, ließ Belsazar auf Anraten der Königin Daniel zu sich rufen, damit er ihm die Schrift an der Wand deute. Daniel las die Schrift: „Mene, Mene, Tekel und Parsin“ und deutete sie ihm: „Mene: gezählt hat Gott dein Königtum und macht ihm ein Ende. Tekel: gewogen wurdest du auf der Waage und zu leicht befunden. Parsin: geteilt wird dein Reich und den Medern und Persern übergeben.“ In der gleichen Nacht wurde, so die Geschichte, Belsazar ermordet, und Darius erhielt sein Königreich. (Daniel 5, 1-31)

Der Erzähler bedient sich für den Wandspruch altorientalischer Münz- und Gewichtsbezeichnungen. Er konstruiert daraus ein Wortspiel. Die Geschichte mischt Mythen mit historischen Fakten, um den essentiellen religiösen Konflikt zwischen den Babyloniern und den Juden im Exil deutlich zu machen. Die Geschichte erzählt auch davon, dass der Wortlaut eines Wandspruches zu wenig ist, um ihn richtig lesen zu können. Für die Deutung braucht es das Umfeld, die Geschichte, die der Spruch implizit dazu erzählt. Ohne Geschichte macht der Spruch an der Wand keinen Sinn. Erst der Prophet, der sie erzählt, bringt die Schrift zum Sprechen. In der Tradition des Judentums wusste man um diese beiden Dimensionen des Religiösen und kannte präzise Bezeichnungen für sie: „Halacha“ ist die Lehre, die im reinen Spruch zum Ausdruck kommt; „Haggadah“ ist die Erzählung, durch die die Lehre erläutert und ausgelegt wird. Und keine kann ohne die andere existieren. So stehen auch hinter all den Sprüchen, die auf die Tücher gestickt sind, Geschichten. Wenn ich sie erzählen könnte, würden diese Sprüche erst zur Gänze lesbar werden. Aber auch wenn die alten verloren sind, kann ich neue Geschichten zu Spruchtüchern erleben oder erfinden. Ich möchte als Beispiel einen Spruch nennen, mit dem ich eine persönliche Geschichte verbinde: „Zwei Lebensstützen brechen nie: Gebet und Arbeit heißen sie!“ Als ich mit meiner Frau in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Feriendorf des Österreichischen Gewerkschaftsbundes Urlaub machte, hing eine Tafel aus Blech an der Wand unseres Zimmers, in die dieser Spruch eingeprägt war. Aber der Spruch war unvollständig. Offenbar hatte ein atheistisch gesinnter Verwalter die Worte „Gebet und …“ entfernen lassen. Damals dachte ich: Würde sich zufällig ein Arbeitsloser in dieses Zimmer verirren, er müsste wohl auch noch das Wort „Arbeit“ aus der Tafel entfernen. Was dann übrig bliebe, käme einer Erfahrung von Menschen in den Krisen der spätkapitalistischen Gegenwart verzweifelt nahe: „Zwei Lebensstützen brechen nie: ….. … …… heißen sie!“

Ein-Sprüche:
Meine eigene Geschichte mit Sprüchen, die auf Tüchern oder an Wänden – kurz: auf den verschiedensten Medien im privaten wie öffentlichen Raum zu lesen sind, begann in der Wohnung meiner Großmutter und setzt sich bis heute fort. Als Student lernte ich eine neue Form von Sprüchekultur kennen: die politischen Slogans der Protestbewegung auf Transparenten, die bei Demos mitgetragen wurden und als Graffiti auf Wände und Hausmauern, Betonpfosten und Reklamewände gesprayt waren. Das Wort Graffito leitet sich vom italienischen Zeitwort „sgraffitere“ = kratzen / einkratzen ab. Graffiti sind seit der Antike erhalten, denn das Einkratzen und Gravieren ist die älteste Zeichentechnik, in der auch Schriftzeichen überliefert wurden. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts war es die Spraydose, die Graffiti ihre ungeheure Verbreitung ermöglichte. Sie ist kinderleicht zu verwenden und erzeugt weithin sichtbare, eindrucksvolle Schriftzeichen. Brechts Gedicht „Die unbesiegliche Inschrift“ verdeutlicht das Pathos des Graffito, der je mehr er abgekratzt wird, umso klarer und deutlicher sichtbar wird. In der Achtundsechzigerbewegung wurden die Graffiti zu einem der wichtigsten künstlerischen und politischen Ausdrucksmittel. Die StudentInnen, die Sprüche an die Wand sprayten oder Transparente malten, lasen – außer Bloch und Benjamin – auch die Gedichte von Heinrich Heine. Unter ihnen die Ballade von Belsazar im „Buch der Lieder“. Nicht ohne Grund wurde in der Szene die Geschichte von der Schrift an der Wand zum Urmythos der Graffiti: „Mene, Mene, Tekel und Parsin“ – ein Wortspiel, das für Außenstehende unverständlich bleibt. „Gezählt hat Gott dein Königtum und macht ihm ein Ende“ – eine Drohung, mehr noch: eine Kampfansage gegen die Herrschenden. Daniel – ein Prophet, der diese drohende Schrift zu lesen versteht. Die Israeliten – ein unterdrücktes Volk, das von den Machthabern verspottet ist, wird gerächt … Paul Simon und Art Garfunkel, die beiden jewish boys aus New York, haben das Bild vom warnenden Spruch an der Wand in einem ihrer bekanntesten songs („Sounds of Silence“) popularisiert (trivialisiert?) und einem Massenpublikum nahe gebracht: „The words of the prophets are written on the subway walls/And tenement halls.“ Diskussion und Kontroverse sind elementare Bestandteile der Graffiti-Kultur. Ein Graffito verlangt geradezu danach, weiter- oder umgeschrieben zu werden, und politisch-ideologische Konflikte spielen sich nicht selten innerhalb eines (ergänzten) Wandspruches ab – so z.B. bei einem fremdenfeindlichen Spruch an der Wand eines Stromverteilers im multikulturellsten Stadtteil Salzburgs: „Lehen den Salzburgern!“. Der dazu geschriebene zweite Satz ist nicht nur Wider-Spruch oder Antithese dazu, sondern entlarvt gleichzeitig den ersten in seiner lächerlichen Kleinkariertheit: „Salzburg den Ausländern!“

Selbstverständlich spielte bei diesen Slogans die religiöse Tradition keine solch dominierende Rolle mehr wie bei den bestickten Tüchern in Haus und Hof. Vor allem hatte eine solche religiöse Tradition ausgespielt: eine, die die Armen und Kleinhäusler nur tröstete und vertröstete. Dennoch fand ich immer wieder Anspielungen auf biblische Sprüche unter den Slogans. Subversive und herrschaftskritische Texte gibt es ja zu Hauf in der Bibel – im Ersten wie im Zweiten Testament: „Wehe den Reichen …“ – „Gewogen: Helmut Kohl – für zu leicht befunden!“ Auch das Umfeld der Sprüche ist ein anderes geworden: Statt Haus und Hof ist es die Straße. Statt der eigenen vier Wände sind es die Wände im öffentlichen Raum der Stadt. Nicht zu vergessen die andere Botschaft: Statt Schutz für das eigene Heim zu erbitten und einen guten Tod, stellen die Graffiti eine herrschende Ordnung in Frage, klagen den Reichtum der Reichen ebenso an wie die Armut der Armen. Die frommen Sprüche auf den Tüchern zuhause und die Graffiti auf den Betonwänden und Hausmauern der Straßen: zwei Kulturen, die miteinander in Konflikt standen. Dieser Konflikt ist auch nicht selten ausgetragen worden: zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrenden und Schülern, zwischen Erziehenden und Zöglingen, … Eine Erfahrung, die in einem Graffito beschrieben ist: „Liebe Eltern! Wir sind die Halbstarken, vor denen ihr eure Kinder gewarnt habt!“ Der Konflikt der Spruchkulturen brachte eine neue christliche Tradition zum Vorschein, die eigentlich die ursprüngliche, die biblische war. Die alte Religion, das herrschende oder Herrschaft stützende Christentum aber wurde in den Graffiti verabschiedet. Nietzsches Proklamation „Gott ist tot“ (eigentlich formuliert von Jean Paul in seinem Text: »Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei«, aber den kannten wir damals nicht) stand an ungezählten Hauswänden. Vor einigen Monaten sah ich an der Betonwand, die eine Autobahnabfahrt begrenzt, eben diesen Slogan: „Gott ist tot“. Aber an ihm war weitergeschrieben worden. Im helleren Rot einer jüngeren Sprayschrift war der Satz fortgesetzt: „Gott ist tot al gut!“ Ein offenbar religiös empfindender Mensch hat versucht, dem von ihm als Blasphemie empfundenen Spruch einen neuen Sinn einzuschreiben. Doch der „Urtext“ des Slogans ist natürlich lesbar geblieben, und die Vorbeifahrenden können – in postmoderner Manier – wählen zwischen dem Protest gegen einen Begriff von „Gott“, der eine schlechte Ordnung heiligen sollte, und einer neuerlichen, „postkritischen“ Rückkehr zu traditioneller Bejahung des „guten Gottes“. Je nachdem: Was den Autofahrern besser zusagt – zwischen Betonwänden und Abgas, im Stau, im Stress der rush-hour.

4. sloganizing:
Für meine Kinder gehört der Graffito bereits der Geschichte an. Sie sind in einer anderen Spruchkultur aufgewachsen, deren Totalität nichts mehr infragestellt: in der Spruchkultur der Werbung. Ihr Umfeld ist – neben der Plakatwand, die als Medium schon veraltet scheint – der Fernsehspot und websites sowie facebook im Internet. Die Botschaft ist im Vergleich zu der anderer Spruchkulturen extrem vereinfacht und auf einen Satz reduziert: „Das Produkt ist gut. Du brauchst es!“ Religiöse Zitate kommen in dieser Spruchwelt nur mehr als Parodie vor. Der verfremdete biblische Spruch bedeutet nichts; er soll nur die Aufmerksamkeit der KonsumentInnen erregen. Dies ist seine einzige, ihm noch zugedachte Funktion. Berühmt wurde jener Werbeslogan, der die Parodie der Religion aufs Äußerste zugespitzt und damit deutlich gemacht hat: „Du sollst keine andern Jeans haben neben mir!“ Denn die Parodie von Religion im Umfeld der Werbung –wie Dorothee Sölle in ihrer Kritik des slogans verdeutlicht hat – ist ihre Zerstörung und Ablösung. Das erste Gebot des Dekalogs, die Zusammenfassung aller jüdisch-christlichen Tradition, wird neu formuliert. Ein neuer Gott hat die Herrschaft angetreten und fordert ausschließliche Verehrung: „Gott ist Geld – Geld ist Gott.“

Noch etwas Grundlegendes hat sich verändert durch die Spruchkultur der Gegenwart: Zwar sind die AutorInnen der Spruchtücher wie der Transparente, der Altarsprüche wie der Graffiti meist anonym geblieben. Doch sie sprachen Botschaften aus, die von Vielen mitgesagt und nachgesagt werden konnten. Die SprecherInnen dieser Sprüche waren viele. Und sie wurden nachgesprochen: gebetet die einen, skandiert und geschrien die andern. Die neuen Sprüche in der digitalen Welt haben keine SprecherInnen mehr, sie werden nicht mehr von Menschen gemacht, auch nicht mehr von Menschen nachgesagt. Sie werden nur noch von Menschen am Bildschirm … – ich sage nicht „gelesen“, ich sage besser: konsumiert. Im Internet gibt es eine Adresse, unter der ich – wie jede/r andere – Zugriff auf eine Maschine haben kann, die Werbesprüche produziert: http://www.sloganizer.de. Die Maschine ist mit dem Wortschatz und der Grammatik von Werbesprüchen programmiert, und sie produziert – je nach Wörtern oder Sätzen, die ihr eingegeben werden – automatisch und in der Form eines Zufallsgenerators Sprüche, die den Normen der Sprache im globalen Markt gehorchen. Es entsteht eine Spruchwelt, die als eine gespenstische Karikatur surrealistischer Texte gelesen werden könnte – wüssten ihre KonsumentInnen noch, was Surrealismus war und intendierte. In ihr ist jede Wirklichkeit gleich-gültig geworden. „Gott“ wird im sloganizing zum Markennamen einer Ware, wobei die Ware selbst ebenfalls bereits beliebig geworden ist; Hauptsache die KonsumentInnen „fahren“ auf die Marke ab, und sie verkauft sich. Was mit ihr verkauft wird, wechselt und ist beliebig. Der hymnische Lobpreis (samt seinen zynischen Untertönen) gilt nicht einmal mehr „Gott“ als Ware auf dem religiösen Markt, sondern dem als „ewig“ imaginierten Kaufen und Gekauftwerden von etwas – gleichgültig, was es sei. Um diese Reflexion praktisch zu erproben, habe ich den sloganizer mit den zentralen Inhalten meines Textes gefüttert. Als Demonstration des Ergebnisses greife ich drei Beispiele heraus, zunächst den Versuch mit dem Wort „Gott“:
Gott darf mehr als Laune machen!
Gott – die zarteste Ueberraschung der Ewigkeit!
Von Aliens empfohlen – sein wie Gott!
Gott. Spass fuer die ganze Familie!

Im nächsten Schritt habe ich der Maschine den Satz „Gott ist tot!“ eingegeben:
Das grosse Entzuecken, oder warum Gott so tot ist!
Gott – mit dem toten Frust defensiver Katzen.
Gott. Tot und kompetent!
Der tote Konsument braucht Gott. Das muss ja wohl einen Grund haben?
Tot? Toter als Gott!? Das waere ein starkes Stueck!
Das suesse Geheimnis, oder warum Gott so tot ist!

Schließlich, als letzte Eingabe kam noch die korrigierte Version des Spruches in den Sloganizer: „Gott ist total gut!“
Gott – die faszinierendste Komparation von total gut!
Gott. Total gut und gut!
Gott. Fuer total gute Kollegen, Tag fuer Tag!
Gott – die zarteste Steigerung von total gut!
Gott – Geil, mit drei „L“…

Als Schluss(folgerung) möchte ich auf einen Satz des Ersten Testamentes zurück kommen, der mir vor dem Hintergrund der aktuellen „Spruchpraxis“ aktueller denn je erscheint. Im 2. Buch Mose, im 20. Kapitel heißt es: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“ Das zweite Gebot des Dekaloges verbietet den Missbrauch des Gottesnamens. Im Kontext des permanenten sloganizing in der automatisierten Spruchwelt der Gegenwart ein Anachronismus? Die Scheu der jüdischen Tradition, den Gottesnamen auszusprechen, bis hin zum Verbot des Aussprechens des Tetragramms JHWH im rabbinischen Schrifttum, hing möglicherweise mit der Abwehr von Zauberpraktiken zusammen. Könnte nun die Enthaltung vom Sprechen des Gottesnamens, bis hin zum a-theistischen Denken, die Produktion von Un-Sinn in seinem Namen abwehren?

Josef P. Mautner
Artikel erschienen in „A propos“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s