Bücher

Ein nationalsozialistisch-katholisches Syndrom

Ein nationalsozialistisch-katholisches Syndrom. Zugänge zum Werk von Thomas Bernhard. Würzburg, Verlag Königshausen & Neumann, erschienen Nov. 2021, 135 Seiten.

https://www.verlag-koenigshausen-neumann.de/product_info.php/info/p10103_Ein-nationalsozialistisch-katholisches-Syndrom–Zug–nge-zum-Werk-von-Thomas-Bernhard.html

„Das katholisch-nationalsozialistische Element, die katholisch-nationalsozialistischen Erziehungsmethoden sind aber die in Österreich normalen, die üblichen, die am weitesten verbreiteten“.

(Thomas Bernhard in Auslöschung)

Sätze wie dieser finden sich im autobiographischen Werk sowie in dem Roman Auslöschung vielfach. Sie zeigen, dass die Verbindung von Nationalsozialismus und Katholizismus im Werk von Thomas Bernhard eine wesentliche Rolle spielt. Die Publikation zeichnet die Entwicklung dieses Themas nach: von der Auseinandersetzung mit religiösen Motiven in der frühen Lyrik über die zentrale Rolle des nationalsozialistisch-katholischen Syndroms in den autobiographischen Schriften bis zur Auseinandersetzung damit im späten Roman Auslöschung. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht dabei nicht so sehr eine skandalisierte oder skandalisierende Ineinssetzung von Katholizismus und Nationalsozialismus, wie sie häufig in der Rezeption wahrgenommen wurde. Der Fokus des Interesses liegt vielmehr auf Bernhards spezifisch literarischer Perspektive: auf seiner hohen ästhetischen Sensibilität für die existentielle Situation der mit Leiden und Tod konfrontierten Menschen.

Keine Erde mehr für deine Füße

Keine Erde mehr für deine Füße. Gedichte von Leben und Tod auf der Flucht. Würzburg. Echter Verlag 2021. Ca. 100 Seiten mit 10 Collagen. https://www.echter.de/Keine-Erde-mehr-fuer-deine-Fuesse/books/keerm386208/

Über 25.000 Menschen starben zwischen 2014 und 2018 weltweit auf der Flucht – mehr als die Hälfte von ihnen beim Versuch, nach Europa zu gelangen. Sie ertrinken im Mittelmeer oder überleben andere gefährliche Fluchtwege nicht. Zahllose leben in Lagern an den EU-Außengrenzen unter unmenschlichen Bedingungen. Wie aber kann man den Toten und jenen, die nicht für sich sprechen können, eine Sprache geben? Der Autor unternimmt diesen Versuch, indem er in einen Dialog mit Gedichten von Nelly Sachs tritt, die die Erfahrungen ihrer Flucht vor den Nazis in vielen ihrer Gedichte verarbeitet hat. Zehn dieser Gedichte sind Collagen zugeordnet, geschaffen von einem Künstler, dem die Flucht nach Europa gelungen ist.

Podcast: Gespräch zwischen Georg Wimmer und Josef P.Mautner in der Radiofabrik:https://cba.fro.at/530005

Podcast: Zu Gast bei Fvonk dich frei: https://cba.fro.at/544796

Buchtipp: Initiative Kirche von unten: https://www.ikvu.de/

Besprechung:

Kirchenzeitung Erzdiözese Salzburg: Quelle: https://www.meinekirchenzeitung.at/salzburg-tiroler-teil-rupertusblatt/c-gesellschaft-soziales/gedichte-fuer-namenlose_a30066

Ein Gedicht aus dem Zyklus „Keine Erde mehr für deine Füße“ ist inzwischen vom „Literaturpodium“ in die „höchste Auswahlrunde“ (98 von 3000 Gedichten) des „Brandenburger Lyrikwettbewerbes“ 2021 aufgenommen worden:

„Als die Leiber der Flüchtenden,

lebendiggequält von

Schmerzen, Hunger und Angst,

auf den Niemandswegen der Flucht

In die Nacht des Todes verschwanden,

blieb nichts von ihnen zurück:

ausgelöscht die Namen,

die Laute, Gesichter.

Als wären sie nie

Am Leben gewesen.

Aus dem Nichts

Erhob sich die Zahl:

Endlose Kolonnen von Zahlen,

gespien in eine Welt

der toten Dinge, immer neu,

immer anders, immer

korrigiert ins endlose Mehr –

nach „oben“ sagen sie …

Zahlen,

aus todgewohnten Gehirnen

geboren, sind sie

die Chiffren eures Verschwindens,

damit wir vergessen können,

was ihr wart:

Leiber, Namen,

Gesichter und Worte:

Einfach ein ICH.“

Besprechung:

Kirchenzeitung Erzdiözese Salzburg: Quelle: https://www.meinekirchenzeitung.at/salzburg-tiroler-teil-rupertusblatt/c-gesellschaft-soziales/gedichte-fuer-namenlose_a30066

Ingrid Burgstaller: Gedichte für Namenlose

Zehntausende Menschen haben auf der Flucht nach Europa ihr Leben verloren. Sie ertrinken im Mittelmeer oder verdursten auf dem Weg dorthin in der Wüste. Wie kann man den Toten, die nicht mehr für sich sprechen können, eine Stimme geben? Josef P. Mautner hat genau das getan – mit Gedichten.

Josef „Pepo“ Mautner ist Mitbegründer der Plattform für Menschenrechte in Salzburg. Er hat Erfahrungen aus Jahrzehnten in der Arbeit mit Geflüchteten und zu Flucht und Asyl immer wieder Stellung bezogen. Die Situation der Menschen und ihrer Geschichten hat er hautnah mitbekommen. Er kennt ihre Orientierungslosigkeit und die Erzählungen vom Auseinanderreißen der Familien. Ihm sind die Fragen und Hürden gut bekannt, mit denen sie in der Aufnahmegesellschaft beschäftigt sind und die ein wirkliches Ankommen so schwierig oder gar unmöglich machen.

Das Schreiben der Gedichte, erzählt er, sei für ihn eine Art Verarbeitung gewesen. „Als ich 2018 angefangen habe, stand nicht die Idee, ein Buch daraus zu machen. Die Gedichte waren für mich persönlich ein Versuch mit den Gefühlen und mit den starken Erfahrungen, die mit dem Thema für mich verbunden sind, umzugehen.“

Emotionen in Texte verpackt

Der Theologe und Germanist hat für sein Werk mit dem Titel „Keine Erde mehr für deine Füße“ die Sprachform der Lyrik gewählt. „Lyrik ist ein Minderheitenprogramm“, ist sich Mautner im Klaren und berichtet von Reaktionen auf sein Buch: „Einige Leute haben mir überrascht gesagt, bei Flucht und Migration, da wäre ich doch nie auf Gedichte gekommen.“ Für ihn sei es eine Sprachform, die eine sehr starke Emotionalität habe. „Was mich auch zu den Ge-dichten geführt hat, war dass ich wie im Studium wieder angefangen habe Gedichte von Nelly Sachs zu lesen.“ Ihre Dichtungen entstanden unter dem Schmerz der Shoah und als Antwort auf ihn. „Aber Flucht, Fluchterfahrungen und das Fremdsein spielen bei ihr ebenfalls eine große Rolle.“

Mautner tritt in seinem Buch in einen Dialog mit den Gedichten von Nelly Sachs. Seine Texte bauen, wie er selbst beschreibt, an einer Sprache für die Überlebenden und Toten der Fluchtwege nach Europa. Zehn der 35 Gedichte sind Collagen zugeordnet. Sie stammen von einem Künstler, der selbst einen langen Fluchtweg hinter sich hat und einen weiteren vor sich. „Nach dem negativen Entscheid über seinen Asylantrag ist er weitergewandert. Wo er sich nun aufhält, weiß ich nicht“, sagt Mautner.

Seine Agenda: Menschenrechte

Bis zu seiner Pensionierung im Vorjahr war Josef Mautner Geschäftsführer des Bereichs „Gemeinde und Arbeitswelt“ in der Katholischen Aktion (KA) Salzburg. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das Thema Menschenrechte in der Erzdiözese Salzburg einen hohen Stellenwert einnimmt.

Perspektiven für eine lebenswerte Gesellschaft

Perspektiven für eine lebenswerte Gesellschaft.
Zum Beitrag des Christlichen vor Ort
(gem. mit Simon Ebner und Alois Halbmayr)
Salzburger Theologische Studien 63
156 Seiten
https://www.tyroliaverlag.at/

Unter den Vorzeichen der gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Krisensituation, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst worden ist, stellen sich viele Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen politischen und zivilgesellschaftlichen Gestaltens aus der Perspektive des christlichen Glaubens umso dringlicher und vielfach in neuer Form.

Besprechung:

Wolfgang Beck: Die katholische Kirche und ihre neu zu erringende Gemeinwohlorientierung.

Quelle: https://www.feinschwarz.net/die-katholische-kirche-und-ihre-neu-zu-erringende-gemeinwohlorientierung/

Nicht erst seit der Corona-Krise hat die katholische Kirche ihr Verhältnis zum Kontext moderner Gesellschaften und öffentlicher Diskurse angemessen zu reflektieren. Einen Beitrag dazu stellt Wolfgang Beck mit einer kleinen Veröffentlichung der Salzburger Theologischen Fakultät vor, die nach Beiträgen und „Perspektiven für eine lebenswerte Gesellschaft“ fragt.

In der Spätmoderne verschiebt sich das Verhältnis von religiösen Organisationen und gesellschaftlichen Öffentlichkeiten auf markante Weise. Forciert wird diese Entwicklung durch die Corona-Pandemie, in der wiederholt nach dem Beitrag der Kirchen für die Bewältigung gesellschaftlicher Krisen gefragt wird. Eine große Bandbreite von Erwartungen und kirchlichen (Selbst-)Verpflichtungen für einen Beitrag zum Gemeinwohl einerseits bis hin zu Rückzugsszenarien in hochidentifizierte Nischen mit einer Dispensierung von gesamtgesellschaftlicher Verantwortung andererseits, markieren die Eckpunkte der Ansichten. Schnell wird dabei deutlich, dass im Bemühen um Gemeinwohlorientierung unterschiedliche Kirchenverständnisse und Ekklesiologien ausgemacht werden können.

Während der Corona-Pandemie werden beispielhafte Felder gesellschaftlicher Fragestellungen sichtbar, in denen nach kirchlichen Beiträgen zu fragen ist. Und wer diese Fragen stellt, erwartet immerhin noch etwas von den Kirchen, was über die Bearbeitung ihrer internen Baustellen hinausgeht, von dem gerade die katholische Kirche massiv in Anspruch genommen ist. Angeregt von der jüngsten Papstenzyklika Fratelli tutti haben die Herausgeber Simon Ebner, Alois Halbmayer und Josef Mautner aus Salzburg (Kath. Aktion und Kath.-Theol. Fakultät) zwölf Beiträge von Autor*innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsbereichen versammelt. Mit ihnen rücken die drängenden Herausforderungen der Menschheit und des gesellschaftlichen Zusammenlebens im 21. Jahrhundert in den Blick. Dazu gehören ökonomische Transformationsprozesse im Bemühen um ökologische Nachhaltigkeit und jenseits des zunehmend angefragten Wachstumsparadigmas (Margit Schratzenstaller), wie auch die Verantwortung zur Bearbeitung des Klimawandels (Gishild Schaufler und Kathrin Muttenthaler), die Grundhaltung globaler Geschwisterlichkeit als sozialethische Perspektivenweitung (Wolfgang Palaver) oder die Wechselwirkung von örtlichen Demokratiestrukturen und dem kirchlichen Verständnis von Subsidiarität (Simon Ebner).

Keine Scheu vor konkreten Fragen

Die Beiträge scheuen nicht die Konkretion, so fragt Peter Ruhmannseder nach Elementen einer gerecht zu gestaltenden Arbeitswelt. Und Helmut P. Gaisbauer zeigt, dass gerade die Corona-Pandemie Armutsbekämpfung vor Ort einfordert. Eine Besinnung auf das bewährte Genossenschaftswesen fordert Anna Doblhofer-Bachleitner. Und die besondere Verbindung von lokaler und globaler Vernetzung im Digitalen wird von Jakob Etzel analysiert. Nicht erst mit Corona und dem Kampf um Impfungen und Schutzmaßnahmen gehören gesundheitspolitische Diskurse zur Bestimmung gelingenden Lebens (Andreas Michael Weiß). Den Abschluss bilden zwei allgemeine Einordnungen: die Untersuchung kirchlicher Diskursbeiträge entlang der sozialethischen Grundprinzipien als einer gesellschaftlichen Ressource (Marianne Heimbach Steins) und der Auftrag aller Glieder des Volkes Gottes zum gesellschaftlichen Engagement, wie auch zur aktiven Arbeit an und in den gesellschaftlichen Strukturen (Alois Halbmayr).

Gemeinwohlorientierung braucht Vernetzung

Der Salzburger Prägung mag geschuldet sein, dass es sich in der vorliegenden Sammlung von Diskussionsbeiträgen vornehmlich um katholische Perspektiven und Themen handelt. Doch dürfte gerade das Anliegen der Perspektivenweitung für die gemeinwohlorientierte Kirchenentwicklung auf ökumenische und interreligiöse Vernetzungen angewiesen sein.
Mit der Bandbreite der vorgestellten Impulse werden nicht nur Fragestellungen vorgestellt, in denen spezifisch christliche Beiträge einen Gewinn für öffentliche Meinungsbildungsprozesse und Entscheidungen darstellen würden.

Das kirchliche Ringen mit der Selbstreferenzialität

Mit den Themenfeldern ergeben sich auch für die Kirche selbst Chancen, mithilfe der entsprechenden Debatten vor einem Absinken in bloße Selbstreferenzialität und Beschäftigung mit Binnendiskursen bewahrt zu werden. Denn aus den gesellschaftlichen Debatten erwachsen immer wieder kritische und unangenehme Rückfragen an die eigene kirchliche Praxis. Auch ihretwegen scheint vielen kirchlichen Verantwortungsträgern der Rückzug von einer kirchlichen Gemeinwohlorientierung eine attraktive Option – würde sich damit womöglich der gesellschaftliche Reformdruck auf die Kirche vermindern. Es wäre gleichwohl keine evangeliumsgemäße und theologisch legitimierte Option, sondern bloß ein Ausdruck autopoietischen Selbsterhalts.

Impuls für anstehende Aushandlungsprozesse

Immer wieder neu und gerade in den aktuellen Krisenerfahrungen von Pandemien, Klimawandel und Phänomenen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ist das Verhältnis von Kirchen zum Gemeinwohl auszuhandeln. Dazu stellt die Salzburger Sammlung von Beiträgen einen wichtigen und lohnenden Beitrag für alle Christ*innen dar, die sich nicht damit abfinden mögen, wenn Kirche sich vorrangig mit sich selbst beschäftigt.

Autor: Wolfgang Beck, Mitglied der feinschwarz-Redaktion, Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH Sankt Georgen, Frankfurt/M.

 

 

„Regionale Menschenrechtspraxis“

Josef P. Mautner (Hg.)
Regionale Menschenrechtspraxis
Herausforderungen – Antworten – Perspektiven
17.00 €
320 Seiten
Format: 13,5×21
ISBN: 978385476-578-3
Erschienen: November 2018

Für eine lange Zeit seit dem 10. Dezember 1948 waren die Menschenrechte von einer Aura des Unantastbaren umgeben. Niemand aus der Mitte der Gesellschaft – sei es in Österreich oder in einem anderen Land der EU – hätte ihre Legitimität und Geltung öffentlich in Frage gestellt. Zu deutlich waren der Epochenbruch und die Vernichtung humanistischer Grundannahmen durch nationalsozialistischen Terror und Shoah noch im Gedächtnis der Gesellschaft gegenwärtig. Diese Phase scheint der Vergangenheit anzugehören. Abschottung an den EU-Außengrenzen, massive Verschlechterungen der Aufnahmebedingungen für Flüchtlinge, Vorurteile gegen Menschen mit Migrationsgeschichte, die als „Muslime“ etikettiert werden – unabhängig von ihrer subjektiven Einstellung zu Religion, wachsender Alltagsrassismus, rechtsextremes Vokabular, das in den Diskurs der politischen Mitte Eingang gefunden hat, sind scheinbar selbstverständlich geworden. >>> weiterlesen

Informationen und Erläuterungen

Unter diesem Link finden Sie ausgewählte Informationen und Erläuterungen zu in den Beiträgen dieses Buches genannten Sachbereichen regionaler Menschenrechtspraxis.


Agenda Menschenrechte CoverJosef P. Mautner
Agenda Menschenrechte
Notizen zum politischen Proceß
ISBN 978-3-99014-086-4, 96 S., EUR 9,90
www.muerysalzmann.at

Besprechungen:
“Eine Agenda zur Veränderung” (Bernhard Jenny)
“Ich hätte nicht gedacht, dass das auch mich betrifft.” (Peter Ebner)

Diese Notizen sind im Zusammenhang der Menschenrechtsarbeit im Rahmen der „Plattform für Menschenrechte“i entstanden. Die Geschichten sind in der Regel anonymisiert wiedergegeben und mit fiktiven Namenskürzeln versehen. Sie spiegeln die Erfahrungen von Menschen, die von Grundrechtsverletzungen betroffen sind mit einem „politischen Proceß“ in Österreich. Der Begriff „politischer Proceß“ orientiert sich am Wahrnehmungsmodell Franz Kafkas und bezeichnet das Zusammenstoßen von einzelnen Menschen, die ohne bzw. ohne ausreichende Handlungsmacht sind, mit machtvollen Systemen oder Individuen. In der Regel wird dieses machtvolle Gegenüber als anonyme Instanz wahrgenommen, der gegenüber den Betroffenen keine angemessene Möglichkeit zu reagieren bleibt.
>>> weiterlesen

Die dunkle Frau

Assias Geschichte ist eine Erfindung. Die Erlebnisse, Träume und Empfindungen, die Hoffnungen und Ängste, von denen in ihr erzählt wird, sind jedoch tatsächlich geschehen. Sie wurden mir erzählt von Menschen, die sich während ihrer Flucht in Salzburg aufhielten. Manche von ihnen sind hier geblieben, die meisten weiter gewandert. Vor allem haben mich die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen während ihrer Flucht oder Migration beschäftigt. Denn ihr Leben bewegt sich in besonders intensiver Weise zwischen verschiedenen Welten: zwischen dem Land ihrer Familien und ihrer Herkunft sowie jenen Kulturen, in denen sie Station machen oder in denen sie – mehr oder weniger – angekommen sind. Viele ihrer Empfindungen haben mit ihrer Geschichte zu tun, mit anderen reagieren sie auf die Einstellungen der Umwelt zu ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe.

Den Namen „Assia“ wählte ich, weil er ein im Arabischen beliebter und verbreiteter Name ist. Assia bedeutet „Asien“, das aus arabischer Perspektive ein unbekannter, geheimnisvoller Orient war. Ich schließe aus seiner Bedeutung: Es gibt überall ein von Mythen verdecktes Land der Sehnsucht, zu dem wir hinkommen oder zurückkehren möchten. Wo es liegt, hängt immer vom Standort der BetrachterInnen ab. Zufällig – doch das erfuhr ich erst, als ich den Namen bereits ausgesucht hatte – ist Assia auch der Name jener ägyptischen Prinzessin, die Mose als kleines Kind aus dem Nil gerettet hat und die deshalb im arabischen Raum als Heilige verehrt wird. Die anderen Personen der Erzählung bewegen sich in Assias äußerer wie auch in ihrer inneren Welt. Die Grenze zwischen Innen und Außen ist fließend; in besonderem Maße gilt das für die dunkle Frau.

Josef Mautner / Gudrun Gstach: Die dunkle Frau. Salzburg 2011
http://www.edition-tandem.at

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Nichts Endgültiges

Im Anschluss an Roland Barthes verstehe ich diesen Text nicht anders als einen Eingang zu einem Labyrinth mit unzähligen Eingängen. Ein Buch aufzuschlagen, es zu lesen, bedeutet, sich darin zu verlieren. Ich lese eine Seite, diese Seite führt mich zur nächsten. Ein Zitat oder ein Wiedererkennen im Text verleitet mich dazu, ein anderes Buch aufzuschlagen, darin nach dem Zitat (oder dem Verweis) zu suchen, und ich lese mich wieder fest. Dazwischen treffe ich einen Freund im Café und diskutiere mit ihm das Gelesene, eine Bekannte setzt sich dazu, und wir versuchen ihr – bruchstückweise und fehlerhaft, das Besprochene wiederzugeben. Anekdote folgt auf Anekdote, und ein neuer Text bildet sich. An keiner Stelle des Labyrinthes ist ein Ende oder gar Endgültiges in Sicht.

Also lade ich Sie ein, mir auf dem Weg in ein Labyrinth zu folgen, das fünf Eingänge zu fünf AutorInnen enthält, die wiederum – jeder für sich – eine Unzahl an möglichen Eingängen eröffnen. Die Auswahl ist subjektiv und dennoch durch den Gegenstand nahegelegt: es handelt sich um fünf AutorInnen, die für die späte Moderne prägend wurden und in ihren Texten einen je eigenen Bezug zu ihrer religiösen Tradition entwickelt haben. Die fünf literaturwissenschaftlichen Reflexionen sind eingerahmt und unterbrochen durch ein Gespräch, das ich mit der Theologin Dorothee Sölle zum Verhältnis von Literatur und Religion in der Moderne geführt habe. Hier wird sozusagen im Café über die konzentrierte Arbeit der Lektüre in der Form loser Einfälle und Assoziationen nachgedacht. Die Gliederung soll keine strenge Struktur vortäuschen; sie ist nicht mehr als eine unvollständige Landkarte, um auf dem Weg durch das Labyrinth in Annäherungen Orientierung zu geben.

Nichts Endgültiges. Literatur und Religion in der späten Moderne. Würzburg 2008.

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Mein Österreich

Was ist Heimat? Was ist Fremde? Ich glaube, diese Frage stellen sich alle Menschen, die irgendwann im Laufe ihres Lebens eine erste Heimat verlassen mussten. Es ist eine drängende Frage, weil unser Leben einen Ort braucht. Unsere Identität ist nicht nur mit dem Ort, wo wir leben verbunden. Sie ist ebenso verknüpft mit jenen Orten, an denen wir im Verlauf unserer Geschichte schon gelebt haben – vor allem mit den Orten unserer Kindheit.

Mein Österreich. MigrantInnen und ihre zweite Heimat (gem. mit Y. Prandstätter). Salzburg – München 2006.

www.pustet.at/; verlagsauslieferung@spv-verlage.at

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Der Kobold der Träume

Träume sind die flüchtigen Begleiter unserer Nächte. In ihnen kehrt die Tageswirklichkeit wieder, und gleichzeitig entsteht eine andere Realität. Die erlebte Wirklichkeit, alles das, was in unserer Erinnerung zu Geschichten und letztlich zur Geschichte geformt wird, bildet auch den Ausgangspunkt der Träume. (…)

Dieses Buch versammelt aufgezeichnete Träume von dreizehn Künstlerinnen und Künstlern. (…) Sie alle gewähren Einblick in die Sprach- und Bildwelten ihrer Träume, ohne ihnen aber ihr Geheimnis zu entreißen.

Der Kobold der Träume. Spuren des Unbewussten (gem. mit R. Habringer). Wien 2006.

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Gott im Dunkeln

Es gibt Orte, an denen sich reiches Leben entfaltet hatte, die in einem hohen Maße kultiviert waren. Ihr Name war im allgemeinen Bewusstsein gegenwärtig. Doch diese Präsenz ist ausgelöscht. Sie sind vergessen, ihre Kultur ist zerstört, ihr Leben verschwunden. Manches Mal holt der Mythos einen dieser Orte ins Gedächtnis zurück, konstruiert ihn anders oder hat ihn überhaupt neu erfunden. Die Religion – so scheint es – wird einem solchen Ort immer ähnlicher. Verlassen, vergessen und verloren?

Gott im Dunkeln. Religion in den Lebenswelten der späten Moderne (gem. mit A. Halbmayr) Innsbruck 2003.Innsbruck@tyrolia.at

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Es ist ein Feuer, ein Denken mit dem Herzen

Am Beginn der Gespräche frage ich meine Gesprächspartner nach den Bildern, die das Wort Liebe bei ihnen hervorruft. Denn in meiner Beziehung zur Sprache spielen Gefühle und Bilder eine wichtige Rolle, und ich vermute, daß auch bei andern Menschen viele Worte von inneren Bildern begleitet sind. Es gibt reiche und arme Worte, solche, die mir ein wärmendes Spektrum an Empfindungen eröffnen und solche, die gleichgültig an mir vorüber ziehen und mich kalt zurücklassen.

Es ist ein Feuer, ein Denken mit dem Herzen. Gespräche über die Liebe. Salzburg 2001.

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Salzburg:Blicke

Bekanntlich existiert Salzburg nicht wirklich, sondern ist ein universaler Mythos wie das Gesicht der Garbo, Mickey Mouse oder der Kopf Einsteins.

Salzburg:Blicke (gem. mit H. Embacher und E. Fürlinger). Salzburg – Wien 1999.

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Himmelsleitern

Das Gespräch zwischen Dorothee Sölle und mir, das zum Text dieses Buches geworden ist, fand am 18. Dezember 1995 in ihrem Haus in Hamburg statt. Es ist ein altes Haus vor einem schönen Garten: ein guter Ort zum Reden. Als kräftige Unterstützung stellte Frau Sölle ausgezeichnete Zigarillos und mehrere Kannen pechschwarzen Tees zur Verfügung.

Himmelsleitern. Ein Gespräch über Literatur und Religion (gem. mit D. Sölle; mit Bildern von H. Falken). Salzburg – München 1996.

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fremde heimat salzburg

Walter Benjamin spricht in seinen Thesen über den „Begriff der Geschichte“ von jener Wahrheit, „daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist“. Die Lebensgeschichten der Menschen in diesem Buch sind ein Teil der Geschichte Salzburgs, und wir werden, wenn wir diese Geschichte in ihrer Ganzheit begreifen wollen, sie uns erzählen lassen. Sie machen diese Stadt reicher, nicht wie uns das Konsumverhalten Tausender von Touristen reicher macht, sondern auf einer Ebene der Wirklichkeit, wo wir es durchaus nötig haben, uns bereichern zu lassen.

fremde heimat salzburg. (mit Fotos von A. Kampfer). Salzburg – München 1995.

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Das zerbrechliche Leben erzählen …

Dieses Buch ist kein fertiges, abgerundetes Produkt; es will auch keine ‚gültigen‘ Wahrheiten vermitteln. Viel eher dokumentiert es einen Prozeß der Auseinandersetzung mit Literatur, der mit seiner Veröffentlichung nicht zuende geht. (…)

Der wichtigste Grundsatz, dem die Reflexionen dieses Buches verpflichtet sind, ist es, die Erfahrungen und Geschichten von Menschen ernstzunehmen, sie nicht als akzidentelle Bestandteile irgendeines Systems zu vergleichgültigen – und zwar vor allem die Erfahrungen jener Menschen, die zu Opfern und Leidenden einer Geschichte (gemacht) wurden, die nicht mehr die ihre ist.

Das zerbrechliche Leben erzählen … Erzählende Literatur und Theologie des Erzählens. Frankfurt/Main 1994.

 

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