Was heißt hier Integration?

Zum Spannungsfeld zwischen Begriff und Wirklichkeit

Der Begriff

„Integration“ ist ein Querschnittsbegriff, der von vielen Wissenschaftsbereichen (z.B. Sozial- und Sprachwissenschaften, Betriebswirtschaft, Mathematik und Informatik) in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. In seiner allgemeinen Bedeutung bezeichnet das lateinische Wort die (Wieder-)Herstellung eines Ganzen, einer Einheit durch Einbeziehung außen stehender Elemente. Auf soziologischer Ebene versteht man unter Integration die Verbindung einer unterschiedlichen Vielzahl von Menschen(-gruppen) zu einer gesellschaftlichen Einheit. 1 Der Begriff ist zu einem Wort der Alltagssprache geworden, das in den verschiedensten Kontexten verwendet, vielfältig verstanden und unterschiedlichen, ja widersprüchlichen politisch-ideologischen Zielsetzungen untergeordnet wird.

Das Verständnis von Integration, bezogen auf Menschen mit Migrationserfahrung, ist ebenso vielfältig wie die Lebenswirklichkeiten von MigrantInnen vielschichtig sind. Aus Sicht der MigrantInnen umfasst Integration zunächst ein­mal die Möglichkeiten, ihr Leben im Aufnahmeland aktiv zu gestalten und ihren Teil zur Entwicklung dieses Landes und der Gesell­schaft beitragen zu können. Im Gegenzug wollen sie in steigendem Maße auch die Rechte nutzen können, die Staat und Gesellschaft bieten. Die Grundlage und Voraussetzung für Integration ist eine gleichberechtigte Teilhabe der MigrantInnen an der Gesellschaft. Ein Endpunkt von Integration lässt sich nicht definieren, sie ist vielmehr ein Prozess, bei dem beide Seiten – Einheimische wie MigrantInnen – gefordert sind.

Die Migrationsbewegungen

Hintergrund für die zunehmende Bedeutung von Integration ist der wachsende Bevölkerungsanteil von Zugewanderten – vor allem in den westlichen Industriestaaten. Derzeit leben nach Schätzungen internationaler Organisationen weltweit etwa 175 bis 185 Millionen Menschen befristet oder dauerhaft in anderen Ländern. Dies entspricht einem Anteil von 2,5 bis 3 Prozent an der Weltbevölkerung. Im Jahr 2006 lebten etwa 18,5 Millionen sog. Drittstaatsangehörige in der EU, das heißt 3,8 % der Gesamtbevölkerung von fast 493 Millionen. Die Zuwanderung ist nach wie vor der Hauptfaktor des demographischen Wachstums in der EU, und die meisten Mitgliedstaaten verzeichnen eine positive Nettozuwanderung. Die Nettozuwanderung, die sich in den neunziger Jahren in den meisten Staaten größtenteils zwischen 0,5 and 1 Million pro Jahr bewegte, ist seit 2002 auf eine Größenordnung zwischen 1,5 und 2 Millionen angestiegen.

In Österreich leben zurzeit rund 1,236 Mio. Menschen, die nicht hier geboren wurden, das sind rund 14,9 % der Bevölkerung. Etwa 110.000 wurden hier geboren, haben aber nicht die österreichische Staatsbürgerschaft. Diese beiden Gruppen zusammen genommen – rund 1,353 Millionen – bilden gemäß der Definition der Statistik Austria die Bevölkerung mit „Migrationshintergrund“ und stellen rund 16,3 % der Gesamtbevölkerung 2 .

Mit einem Anteil von 14,9 % im Ausland geborener Bevölkerung gehört Österreich weltweit zu den – relativ gesehen – großen Einwanderungsländern. Zum Vergleich: Der Anteil der im

Ausland geborenen Bevölkerung in den USA lag 2001 bei 11,1 %, in Deutschland bei 12,5% und in Kanada bei 18,4 %. Im Bundesland Salzburg ist der Prozentanteil etwas niedriger als im Österreich weiten Durchschnitt, lässt sich aber immer noch mit dem Durchschnitt des „Einwanderungslandes“ Deutschland vergleichen: Per 1.1.2006 gab es im Land Salzburg rund 65.000 AusländerInnen; das sind 12,3 % der EinwohnerInnen des Landes Salzburg und um ca. 2.500 oder 4 % mehr als vier Jahre zuvor. Im Jahr 1991 waren es noch rund 37.500; 1981 waren es ca. 21.800. Die bei weitem größte Gruppe der ausländischen EinwohnerInnen stellen nach wie vor die StaatsbürgerInnen der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien mit 45,0 % vor den deutschen mit 18,4 % und den türkischen StaatsbürgerInnen mit 11,2 %. Erst an vierter Stelle rangieren die Bürger der EU(25)-Staaten – abzüglich der deutschen StaatsbürgerInnen. Zuletzt ging die Zahl der Drittstaatsangehörigen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien und der Türkei zurück, was allerdings auf die erfolgten Einbürgerungen zurückzuführen ist.

Die Politik

Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund hat mit dem Anwachsen der weltweiten Migrationsbewegungen auch als politisches Thema an Bedeutung zugenommen. Sie ist mittlerweile zu einem zentralen Anliegen der Innenpolitik der westeuropäischen Staaten wie auch der Europäischen Union im Gesamten geworden. 3 Auch in Österreich ist mit Herbst 2007 der Integrationsbegriff durch die Bundesregierung zu einem Schwerpunkt ihrer Öffentlichkeitsarbeit gemacht worden. 4 Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich auch die Paradigmen der europäischen Politik gewandelt hätten. Eher muss man von einem Bedeutungswandel des Begriffes ausgehen: Früher wurde Integration aus der Perspektive der Zivilgesellschaft als Gegenbegriff zu „Assimilation“ gesetzt, um die Vorstellung einer wechselseitigen Anpassung von migrationserfahrener Minderheit und Mehrheitsbevölkerung zu beschreiben. In der Regel wird Integration gegenwärtig aber synonym mit Assimilation verwendet, und ein mittlerweile diskreditierter Begriff (Assimilation) ist in der „Politik der Worte“ durch einen anderen (eben: Integration) ausgetauscht worden. Im öffentlichen Sprachgebrauch bedeutet Integration häufig nichts anderes mehr als die Forderung nach einer subjektiven Anpassungsleistung der MigrantInnen an die Aufnahmegesellschaft.5

Verfehlte Integrationspolitik, die nur einseitige Anpassungsleistungen verlangt, hat letztlich desintegrierende Wirkung – vor allem bei den Jugendlichen der zweiten und dritten Generation kommen zu den vererbten Integrationsdefiziten der Elterngeneration noch die Defizite des Bildungs- und Ausbildungssystems hinzu. Jugendliche MigrantInnen erreichen deswegen oft nur unterdurchschnittliche Bildungsabschlüsse 6, mit allen nachteiligen Folgen für ihre berufliche Ausbildung und Qualifizierung. Ihr Anteil an den Schulabbrüchen ist überproportional hoch. 7 Diese Entwicklung setzt sich dann auf dem Arbeitsmarkt fort: Die Arbeitslosigkeit unter MigrantInnen ist im Durchschnitt wesentlich höher als die der Erwerbstätigen insgesamt.

Die Bedeutungen

Auf dem Hintergrund der aktuellen Migrationsforschung lassen sich drei Bedeutungen von Integration als Schwerpunkte zusammenfassen 8: Zunächst kann man Integration als die Eingliederung von ZuwanderInnen und in ein bestehendes politisches, kulturelles, soziales,… System verstehen (Inklusion). Dies geschieht zum Beispiel im Zuge der Verbesserung des Aufenthaltsstatus, wenn ein Einwanderer aus der Türkei nach Jahren statt einer befristeten eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erlangt und der Familiennachzug für seine Frau und seine Kinder gelungen ist. Zweitens bedeutet Integration aber ebenso die internen Veränderungs- und Anpassungsprozesse im Verlaufe der Entwicklung von einer monoethnischen zu einer multiethnischen Gesellschaft (Kohäsion). Diese Dimension von Integration entwickelt sich, wenn zum Beispiel eine Stadt wie Salzburg im Gefolge der Erstellung eines Integrationskonzeptes ein „Integrationsbüro“ installiert und Schritt für Schritt gezielte Integrationsmaßnahmen in kommunalen Politikbereichen umsetzt. Wesentlich ist, dass sich diese beiden Dimensionen in ihrer Realisierung wechselseitig verstärken und gegenseitig bedingen können. 9 Gelingende Integration wird so zu einem Dialogprozess, in dem die EinwanderInnen die Zugehörigkeit zum Aufnahmeland in ihre Identität integrieren und die Aufnahmegesellschaft sich selbst als Einwanderungsland begreift. Verstärkte Migration führt auch zu einem Bedarf an bi- und multilateralen Abkommen über die Rechtsstellung von MigrantInnen – zum Beispiel in der Anerkennung und Zertifizierung von Ausbildungsabschlüssen. Außerdem werden die Kriterien für Zuwanderung sowie für die Zuerkennung der Staatsbürgerschaft zunehmend zu Themen der übergeordneten Politik der Europäischen Union – also entwickelt sich zusehends eine dritte, transnationale Bedeutung von Integration (Föderation).

Die Beteiligung

Integration von MigrantInnen ist schlussendlich kein kurzfristiges Projekt, das den Zyklen von Wahlperioden oder der Konjunktur (partei-)politischer Debatten unterworfen werden kann. Gelingende Integration ist das Produkt einer jahrelangen Aufbauarbeit, die sich über alle Politikbereiche (Arbeit, Wohnen, Bildung, Familie, Gesundheit …) als Querschnittsmaterie erstreckt, bei allen Lebensaltern (vom Kindergarten über Schule, Berufsleben bis ins Alter) ansetzt und alle unterschiedlichen Ebenen von Migrationserfahrung umfasst: die klassischen ArbeitsmigrantInnen, die spezifische Situation von Frauen mit Migrationshintergrund, Familienangehörige im Familiennachzug, AusbildungsmigrantInnen (wie z. B. Studierende aus osteuropäischen Staaten), Jugendliche der zweiten und dritten Generation, Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge. Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung von verschiedenen Formen der Migration müssen auch in deren Gefolge die Integrationsprozesse immer vielfältiger und flexibler gestaltet werden. Unerlässlich dafür ist die aktive Beteiligung und Mitgestaltung von MigrantInnen wie auch der BürgerInnen der Mehrheitsgesellschaft. 10 Partizipation von Zugewanderten auf verschiedenen Ebenen braucht allerdings auch Voraussetzungen – im Besonderen den Abbau von Diskriminierung und sozialer Exklusion, von denen MigrantInnen immer noch in überdurchschnittlichem Ausmaß betroffen sind. Erst dann wird eine Mehrheit von Zugewanderten sagen können, was ein türkischer Teilnehmer am Integrationsleitbildprozess der Stadt Salzburg als Zielsetzung formuliert hat: „Ob Inländer oder Ausländer – wir sind zuerst Mitbewohner, Bürger der Stadt Salzburg!“

LITERATURHINWEISE:

Bauböck, R. & Volf. P.(2001): Wege zur Integration. Was man gegen Diskriminierung undFremdenfeindlichkeit tun kann. Drava-Verlag. Klagenfurt.

Bielefeldt, H. (2007). Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft: Plädoyer für einenaufgeklärten Multikulturalismus. transcript Verlag. Bielefeld .

Forster E.; Bieringer I.& / Lamott F.(Hrsg.). (2003). Migration und Trauma. Beiträge zu einerreflexiven Flüchtlingsarbeit. LIT Verlag. Münster – Hamburg – London.

Ignatieff, M.(1993). Wovon lebt der Mensch? Was es heißt auf menschliche Weise inGesellschaft zu leben. Rotbuch Verlag. Hamburg.

Ignatieff, M. (2002): Die Politik der Menschenrechte. Europäische Verlagsanstalt. Hamburg.

Mautner, J. & Kampfer A. (1995): fremde heimat salzburg. Verlag A. Pustet. Salzburg – München.

Mautner, J. / Prandstätter Y. (2006): Mein Österreich. MigrantInnen und ihre zweite Heimat. Verlag A. Pustet. Salzburg – München.

Mokre, M., Weiss, G. und Bauböck, R. (2003). Europas Identitäten. Mythen, Konstrukte, Konflikte. Campus-Verlag. Frankfurt.

Walzer, M. (1996): Lokale Kritik – globale Standards. Rotbuch Verlag. Hamburg

Aktuelle Hinweise und Informationen zu Integration und regionaler Menschenrec.htsarbeit finden Sie auf der Homepage der Plattform für Menschenrechte:

www.menschenrechte-salzburg.at

1 Bereits in der Sprachphilosophie wie in der kritischen Migrationsforschung taucht die Frage auf nach der dahinter liegenden Vorstellung von „Einheit“: Was ist diese Einheit, wie ist sie dazu geworden bzw. wer entscheidet darüber, ob etwas eine Einheit sei oder nicht? Vgl.: Josef P. Mautner: Integration von Asylsuchenden in Salzburg: Vereinigung des Unvereinbaren? In: Ursula Liebing / Angelika Reichl (Hg.): Projektmanual FluEqual – Salzburg integriert Flüchtlinge. Salzburg 2007, 7-9.

2Diese Daten erfassen nicht die aus datentechnischen Gründen über das Population Register „POPREG“ nicht erfassbaren in Österreich geborenen Kinder von eingebürgerten Eltern, die diesen Anteil noch um ein paar Prozentpunkte erhöhen könnten.

3 Der Dritte Jahresbericht der Europäischen Kommission an den Rat über Migration und Integration vom 11.9.2007 stellt eine neue und intensivierte Integrationspolitik auf europäischer Ebene fest. Integration ist auch zu einem zentralen Inhalt des Koalitionsvertrages der großen Koalition in der BRD 2005 geworden.

4 Das Anliegen wurde auch im Rahmen einer Informationsoffensive zum Europäischen Jahr der Chancengleichheit im April und Mai 2008 durch 24 Stationen in ganz Österreich fortgesetzt. Ziel soll sein, dass mit einer „Österreich-Charta“ ein Maßnahmenpaket für Integration eingeleitet wird, das dem Ministerrat bis Sommer 2008 vorliegen soll. Diese Informationskampagne der Bundesregierung wie der Verlauf der gesamten Diskussion bisher zeigen, dass hier Integration zu einem Schlagwort der Öffentlichkeitsarbeit für politische Ziele herabgesunken ist, die mit dem Grundanliegen von Integration nur mehr wenig gemeinsam haben.

5 Ein Beleg dafür ist die Novelle zum österreichischen Staatsbürgerschaftsgesetz, in der Integration als zu erbringende persönliche Leistung der Drittstaatsangehörigen definiert ist. Deutlich wird dieses Verständnis als Assimilation im Bereich der angedrohten Sanktionen, die „bei Anzeichen mangelnder Integrationsbereitschaft“ eintreten (Staatsbürgerschaftsgesetznovelle 1998, BGBl. 124/1998, § 10 bzw. § 12).

6 Hier geht der Trend der Forschung weg von einer gesonderten „Integrationspolitik“ für auszubildende MigrantInnen hin zu einer generellen Verbesserung des österreichischen Bildungssystems von der die überdurchschnittlich benachteiligten MigrantInnen auch überdurchschnittlich profitieren würden. Siehe: Bernhard Perchinig: Integrationsland Österreich ? Migration als Herausforderung für das Bildungssystem. Vortrag für die Tagung „Miteinander Kindergarten“, 21.11.2007. In: http://www.wien.gv.at/integration/mkg/pdf/perchinig.pdf

7 Die Plattform für Menschenrechte Salzburg hat am 7.12. 2006 zum Internationalen Tag der Menschenrechte eine Enquete zum Thema Ausbildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund veranstaltet. Der Ergebnisbericht unter dem Titel „Jugend ist die Zukunft, Oida!“ kann auf der Website eingesehen und heruntergeladen werden: www.menschenrechte-salzburg.at.

8 Siehe: U. Davy: Integration von Einwanderern – Reflexionen zum Begriff und seinen Anwendungsmöglichkeiten. In: http://homepage.univie.ac.at/dilek.cinar/Baub%F6ck%20(2001)%20Begriff%20Integration.pdf

9 Siehe Rainer Bauböck: The Integration of Immigrants. (1994) of Europe. CDMG (94) 25 E, 9-10.

10 Siehe: Karl Hutter, Bernhard Perchinig: Partizipation und Mehrheitsgesellschaft. Partizipation

Braucht Voraussetzungen. In: http://www.integration.at/downloads/P08_060_Bericht_Webversion_7_partizipation.pdf

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