Wege aus dem Dunkel des Krieges?

Überlegungen zu einer Ästhetik von Krieg und Frieden.

Josef P. Mautner

„Als menschliches Wesen glaube ich, dass wir jede Krise oder Notlage, die andere Menschen erleben, so betrachten sollten, als wäre es unsere eigene.“

Ai Weiwei[1]

Ästhetik hat sich mit einer grundlegenden narzisstischen Kränkung der Menschen auseinanderzusetzen: mit der Tatsache, dass die sog. „Wirklichkeit“ unseren Sinnen nicht unmittelbar zugänglich ist, sondern es der Krücke einer fortlaufenden Reflexion bedarf, um sich ihr in kleinen, unsicher tastenden Schritten anzunähern.

Ästhetische Wahrnehmung von Krieg und Frieden

Die ethnischen Konflikte in seinem Land hatten schon lange geschwelt, dann explodierten sie in einem der vielen Bürgerkriege Zentralafrikas. Jene paramilitärische Einheit, die seine Eltern ermordet hatte, rekrutierte den vierzehn Jahre alten Clément als Kindersoldat. Zwei Jahre später desertierte er – trotz des Risikos, wieder gefangen genommen und wegen seiner Desertion ermordet zu werden. In diesen beiden Jahren hatte Clément eine Unzahl an Kriegsverbrechen gesehen und viele selbst begangen. Beim Erzählen seiner Geschichte meinte er: „Ich hätte keine einzige weitere Vergewaltigung einer Frau mehr ertragen. Ich hätte jemanden von uns erschossen.“ Er wird bis zu seinem Tod die Bilder seiner toten Eltern und die Bilder der Toten aus jenen zwei Jahren in sich tragen.[2]

Diese Geschichte ist nur eine Momentaufnahme aus einem lang andauernden Prozess von ethnischen Konflikten, Bürgerkrieg und Gewalt. Dennoch zeigt sie: Krieg und Frieden sind keine eindeutig abzugrenzenden Ereignisse. Vielmehr bezeichnen die beiden Worte Prozesse, die viele Stationen durchlaufen, ehe sie die Gestalt eines manifesten „Zustandes“ annehmen. Eine Vielzahl an Eskalationsstufen von Konflikten ist nötig, bevor ein Konflikt in direkte Gewalthandlungen übergeht.[3] In ähnlicher Weise ist Friede ein Prozess, der mehr bedeutet als die Abwesenheit oder die Beendigung von Krieg, wie mehrere Autor:innen dieses Bandes betonen.[4] Friede definiert sich keineswegs nur im Kontext von Krieg oder Gewalt; Friedenshandlungen werden in den unterschiedlichsten Konfliktsituationen gesetzt und dem entsprechend finden sich im Deutschen auch die unterschiedlichsten Verknüpfungen mit dem Wort[5]: sozialer Friede, Friedenspflicht (bei Tarifverhandlungen), Seelenfrieden, Friedensengel, Zufriedenheit, einfrieden, zufrieden sein, zufriedenstellend etc. Dem entsprechend ist Friedensaufbau („peace building“) ein Prozess, der in verschiedensten Situationen und auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen geschieht – vor, während und nach Konflikten.[6] Friedensaufbau geschieht – oft unbemerkt, weil weniger spektakulär als kriegerische Gewalthandlungen – im Mikrokosmos sozialer Beziehungen.

Fragen einer ästhetischen Wahrnehmung mit dem Erleben und der Bewertung von kriegerischen Handlungen sowie einer ethischen Friedensperspektive zu verknüpfen, erscheint zumindest paradox. Es wird jedoch schlüssig, wenn man Ästhetik aus ihrer üblich gewordenen Verengung auf die Reflexion des „Schönen“ oder gar nur der Künste herauslöst und sie als Reflexion aller möglichen Formen von Wahrnehmung betrachtet.[7] Ihr Ziel ist dann nicht die verfeinernde Wahrnehmungsschulung im Aneignen „schöner“ Erscheinungen, sondern konkrete und sinnlich geleitete, ganzheitliche Wahrnehmung von Wirklichkeit, die diese als vorläufige, von Ambivalenzen und Widersprüchen durchzogene zu begreifen vermag. Die innere Logik eines Zusammenhangs zwischen ästhetischer Wahrnehmung und der Auseinandersetzung mit Krieg sowie Frieden zeigt sich, wenn wir z.B. die literarische Auseinandersetzung berücksichtigen, die bis in die Anfänge schriftlicher Zeugnisse zurückreicht. Ein erstes die weitere Entwicklung der abendländischen Literatur prägendes Zeugnis ist die Ilias.[8] Sie handelt in hoch differenzierter Weise von einer kriegerischen Auseinandersetzung und entwirft im Rahmen der Darstellung eines „Krieges um Troia“ ein elaboriertes Bild der „conditio humana“. Ebenso ist das „Buch der Bücher“, der Kanon der jüdischen Bibel, angefüllt mit Schilderungen, Erzählungen, Reflexionen von Gewalthandlungen und Krieg.

Ihrem inneren Widerspruch folgend sind solche ästhetischen Darstellungen von Situationen extremer Gewalt häufig mit Sollensurteilen verknüpft. Ein viel diskutiertes Beispiel dafür sind die Arbeiten des chinesischen Künstlers Ai Weiwei aus der Phase, als er begann, sich intensiv mit den globalen Flüchtlingsbewegungen zu beschäftigen.[9] Die verschiedensten Verhältnisbestimmungen zwischen ästhetischer Wahrnehmung und ethischen Urteilen zeugen von einer Ambivalenz, die nicht einfach aufgelöst werden kann: weder durch einen Primat des Ästhetischen – etwa eine Ästhetisierung der Gewalt, wie sie z.B. in der Rezeption der Filme von Quentin Tarantino wahrgenommen wird.[10] Noch lässt sich diese Ambivalenz durch einen Primat der ethischen Sollensziele auflösen – etwa im Sinne eines vorschnellen Überspringens der Zwangslogiken kriegerischer Gewalt.[11]

Eine ästhetische Wahrnehmung kriegerischer Auseinandersetzungen reflektiert die engen Grenzen, die eskalierte Gewaltsituationen dem Erkennen ihrer Ursachen, Dynamiken und Akteure setzen. Sie wird die Vorläufigkeit, Fehleranfälligkeit und den Fragmentcharakter des Wahrnehmens anerkennen und dem ethischen Urteil vermitteln. Auf der einen Seite kann das am ethischen Ziel orientierte Wollen, Frieden zu machen, nicht die Wahrnehmung des kruden Faktums kriegerischer Gewalt vernachlässigen und realitätsvergessen pazifistische Normen „herunterbeten“[12]. Sonst würde es zumindest in Gefahr geraten, objektiv zynisch zu werden. Auf der anderen Seite kann die ästhetische Wahrnehmung von Ambivalenz und Sinnlosigkeit des Krieges nicht in einer reinen „l‘art pour l’art“-Ästhetik des Krieges versinken und das ethische Ziel eines Lebens in einem gerechten Frieden aus dem Auge verlieren.[13]

Eine ästhetisch reflektierende Wahrnehmung von Krieg und Frieden wird jedoch nicht dabei stehen bleiben. Denn ihr Ziel ist es nicht, die grundsätzliche Möglichkeit von Wahrnehmung im Krieg, die die Grundlage für ethische Urteilsfähigkeit bildet, infragezustellen. Vielmehr ist es ihr Ziel, die vielfältigen Illusionen und Täuschungen, denen die Ästhetik des Krieges und des Friedens unterliegen kann, zu analysieren und sie somit überwindbar zu machen. Erst die Dekonstruktion einer verzerrten Wahrnehmung im Krieg führt dazu, sich Elementen von Wahrheit anzunähern. Nichts anderes sagt das Wort „wahr-nehmen“ aus, das als Tätigkeitswort aussagekräftiger ist wie das Hauptwort.

Was nehmen wir wahr, wenn wir uns „im Krieg“ befinden?

„Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“. Dieser zum Allgemeingut gewordene Aphorismus ist keinem Sprecher, keiner Sprecherin eindeutig zuordenbar. Er ist fälschlich sowohl Aischylos als auch Rudyard Kipling oder Winston Churchill sowie dem kalifornischen Politiker Hiram Johnson zugeschrieben worden. Was ihn für eine große Mehrheit so plausibel macht, ist die Erfahrung, dass in Kriegssituationen Lüge und Täuschung Teil der strategischen Kriegsführung sind.[14] Dabei gilt es zu beachten, dass Lüge und Täuschung nicht nur moralische Defizite von Individuen sind, die zu ethisch fragwürdigen Handlungen führen. Sie entfalten in letzter Konsequenz ein Universum vollkommen verzerrter Wahrnehmung, die zu keiner erfassbaren Realität mehr durchzudringen vermag. Und dies umso mehr in einem durch soziale Medien und digitale Kommunikation komplexer gewordenen Wahrnehmungsraum. Ein Beispiel dafür sind die Manipulations- und Desinformationskampagnen im Rahmen der sogenannten digitalen Kriegsführung, die integraler Bestandteil der Militärkonzepte verschiedener Staaten geworden sind.[15]

Der Spiegel ist in der Geschichte der Kunst wie der Philosophie eine der am häufigsten auftauchenden Metaphern für Fragestellungen menschlicher Wahrnehmung – und nicht zuletzt für ihre Begrenztheit und Ambivalenz.[16] Ich möchte diese Metapher anwenden, um die Struktur des Diskurses über den Krieg im Krieg darzustellen. Durch die sich verselbständigenden Strategien von Lüge und Täuschung wird der Diskurs über Vorgänge und Handlungen während eines Kriegsgeschehens zu einer Art Spiegellabyrinth, das eine feststehende Subjekt-Objekt-Beziehung in der Wahrnehmung aufhebt. Die Wahr-nehmung der eigenen Position wie der einer gegenüberliegenden Wirklichkeit gehen darin verloren. Ein Spiegellabyrinth ist in der Regel ein kleiner, geschlossener Raum. Aber darin täuschen großflächige, meist in einem Winkel von 60 Grad zueinander gestellte Spiegel den Blick in ein riesiges labyrinthisches Gebäude vor.

Zwei Bereiche, in denen die Metapher vom Spiegellabyrinth Mechanismen einer verzerrten Wahrnehmung im Krieg verdeutlichen kann, möchte ich beispielhaft herausgreifen:

Erstens: Vervielfältigung der Bilder ins Unendliche: Der ukrainische Dokumentarfilmer und Arzt Yuriy Hrytsyna zitiert im Zusammenhang des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine den Zwischentitel aus einem anonymen Montagefilm über die erste Phase des  Krieges: „Dieser Krieg wurde begonnen, um gesehen zu werden.“[17] Was mit dieser Aussage gemeint war: Zielsetzung der Kriegshandlungen war nicht nur die angestrebte und erfolgte Okkupation von Gebieten im Osten der Ukraine, sondern genauso die Produktion von Bildern, mit denen eine Objektivierung des eigenen Blicks, eine Vervielfältigung des eigenen Standpunkts ins Unendliche realisiert werden kann. Kriege erzeugen eine unendliche Flut von Bildern, insbesondere, seit es digitale Kommunikation gibt; mehr als wir jemals aufnehmen können. Zeugen des Kriegsgeschehens (Zivilisten wie Soldaten, Opfer wie Täter) fotografieren mit ihren Smartphones, Fotojournalisten „schießen“ professionelle Fotos, Überwachungskameras laufen am Ort des Geschehens, Drohnen, Flugzeug- und Satellitenkameras filmen von oben, usf. Erst der mediale Kontext oder das politisch-ideologische „framing“ erzeugen schließlich die Botschaft, die die Bilder transportieren: Zeugnisse von völkerrechtswidrigen Bombardements von zivilen Gebäuden in der Ukraine durch die russische Artillerie oder ein verdeckt durchgeführter Sabotageakt gegen Treibstofflager der russischen Armee auf der Krim. Alle diese Bilder werden zu Instrumenten einer globalen diskursiven Kriegsführung.

Ebenso können aber die vielfältigen technischen Möglichkeiten von Bildherstellung und -verbreitung auch zum Bekanntmachen verdeckter menschenrechtswidriger Gewalthandlungen in Konfliktregionen führen. So hat der österreichische Flüchtlingshelfer Fayad Mulla mithilfe einer Bildfalle ein Video über die Entführung von Flüchtlingen von der Insel Lesbos sowie deren Aussetzen durch die griechische Küstenwache auf Life-Boats in türkischen Hoheitsgewässern gedreht. Die Geflüchteten werden mittels Wärmebildkameras von vermummten Sondereinheiten aufgespürt, festgenommen, in anonymen Kastenwagen gewaltsam Richtung Küste transportiert und von einem Schiff der griechischen Küstenwache aufs Meer verbracht. Mittels einer Kamerafalle, Handykamera und Dash-Cam konnte Mulla den Transportweg lückenlos dokumentieren.[18]

Zweitens: Projektion eines bestimmten Geschichtsbildes in die Zukunft: Ein Beispiel für eine solche Projektion, die zu wesentlichen politischen Weichenstellungen führte und auch ein Faktor für die Kriege auf dem Balkan wurde, ist der sog. „Amselfeldmythos“ in Serbien. Er bezieht sich auf die historische Schlacht auf dem Amselfeld, einer ausgedehnten Beckenlandschaft im heutigen Kosovo. Die Schlacht wurde während des Zerfallsprozesses des multiethnischen Selbstverwaltungsstaates unter Tito zu einer quasi-historischen Rechtfertigung für den nationalistischen Aufbruch in Serbien. Eine solche spiegelbildliche Projektion ereignet sich dort, wo das jeweilige Geschichtsbild als Vor-Bild in die Zukunft projiziert wird, wie es Slobodan Milosevic in seiner Rede zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld tat.[19]

Drei Monate zuvor, im März 1989 hatte Milosevic die Autonomie der beiden Autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina aufgehoben, um Serbien „wieder zu vereinen“. Auf diese Maßnahmen spielt er in seiner Rede an, wenn er von der historisch notwendigen Einheit Serbiens spricht. Diese willkürliche Aufhebung der Autonomie per Gesetz setzte eine mehr als zehn Jahre dauernde Kette von teils gewaltsamen Konflikten in Gang, die schließlich zur NATO-Militärintervention und 2008 zur Unabhängigkeitserklärung der Republik Kosovo führten.[20]

Was ist Wahrheit?“[21]

Weit über diese Zerrformen von Wahrnehmung hinaus reicht die Erkenntnis, dass in eskalierten Gewaltsituationen die Fähigkeit zu differenzierendem Wahr-nehmen in extremer Weise eingeschränkt ist. Was Wahrheit ist, was zur (Ver)Fälschung gewordene Teilwahrheiten sind, was Fakten entspricht und was schlicht kontrafaktisch ist – es ist in Kriegssituationen für alle Beteiligten wie auch für die nicht direkt Beteiligten schwer zu unterscheiden.

Beteiligte wie Beobachter:innen verfallen allzu leicht dem durch ein Vor-Urteil verkürzten Sehen, das die Uneinsehbarkeit kriegerischer Ereignisfolgen verleugnet. Wahrnehmung im Kontext eskalierter Gewalt tendiert dazu, ambivalenzfeindlich zu werden. Dabei geht es nicht nur um die vielfach beschworene „Ambiguitätstoleranz“. Was eine möglichst der Wirklichkeit gemäße Wahrnehmung des Krieges von uns fordert, ist mehr als nur das Aushalten vorläufiger Widersprüche, von denen wir zu wissen glauben, dass sie sich irgendwann doch wieder auflösen werden. Die Wirklichkeit aller Kriege zeugt von der Armut unseres Wissens. Wir erhalten über Postings, Instagram, Telegram-Videos, Pushnachrichten etc. Bilder, Worte und Töne des Krieges in Echtzeit. Jedoch: Durch diese Flut an Information können wir auch unseres Wissens beraubt werden, statt dass es vermehrt, v.a. vertieft würde. Außerdem gehört es zum Wesen kriegerischer Gewalt, dass sie kulturelle Deutungen, Muster und Gewissheiten zerstört. Sie erzeugt einen leeren Raum, in dem nichts mehr wächst als Angst, Ohnmacht, Unsicherheit und Wut. Krieg ist ein Raum überwältigender Sinnvernichtung, unauflösbar gewordener Ambivalenzen, die sich auch erzählerisch nicht an ein er-lösendes Ende bringen lassen. Kriege machen keine Geschichte, sie vernichten die Geschichte von Menschen und Völkern.

Die Geschichte eines individuellen Schicksals soll dieses sinnvernichtende Potential des Krieges verdeutlichen: Boris Romantschenko ist einer von vielen Zivilisten, die in ihren Wohnungen in Charkiw durch Geschosse der russischen Armee getötet wurden. Er starb im Alter von 96 Jahren, nachdem er im Laufe seines Lebens vier Konzentrationslager der Nazis überlebt hatte. 1942 war er als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Nach einem Fluchtversuch kam er ins KZ Buchenwald sowie in drei weitere KZs. Während seines ganzen weiteren Lebens engagierte er sich als Zeitzeuge gegen Krieg, Gewalt und Faschismus. Im April 2015 sprach Romantschenko auf dem Gelände des ehemaligen KZ Buchenwald das Gelöbnis der Überlebenden in russischer Sprache: „Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal.“[22]

Das Sprechen über den Krieg ist vielfach nichts anderes als ein „Plappern“[23], ein Ausdruck von Sprachlosigkeit. Ein Geschehen wie Krieg, dem sich kein Sinn zuschreiben lässt, weil es diesen Sinn in seinem Fortlauf wieder vernichtet oder Lügen straft, lässt sich nicht besprechen. Und dennoch ruft das Vakuum des Krieges, sein sinnentleerter Raum einen mächtigen Sog an Sinnzuschreibungen hervor: solche, die versucht sind, ihn zu legitimieren, wie auch solche, die versuchen, ihm jede Legitimation zu entziehen. Die Leere des Krieges ruft immer wieder die großen „Antwortmaschinen“ der Menschheit auf den Plan: Weltanschauungen, Ideologien und Religionen werden aufgerufen oder fühlen sich berufen, dieses Sinnvakuum mit Antworten zu füllen. Eine Vielzahl von Geistes- und Sozialwissenschaftler:innen, Philosoph:innen, Theolog:innen etc. verfertigen Antwortversuche, Theoriefragmente oder Analysetools, um das Unerklärliche zu erklären.

Hier können wir nochmals auf den anfangs zitierten Aphorismus von der Wahrheit als erstem Opfer des Krieges zurückkommen: Er offenbart seine Zwiespältigkeit nicht nur durch seine fälschliche Zuschreibung an Klassiker oder Politiker als dessen Autoren, sondern er führt auch einen inneren Widerspruch in seiner bloßen Aussage mit. Denn nicht erst im Krieg stirbt die Wahrheit. Die „Wahrheit“ als einheitliches, stringentes Attribut von Wirklichkeit gibt es auch vor und außerhalb von Kriegen nicht.

Darüber hinaus existiert eine Art perverser ästhetischer Anziehungskraft des Krieges. Als scheinbar reines Erleben gibt er vor, die unverstellte Existenz zum Vorschein zu bringen: töten oder getötet werden.[24] In Wahrheit jedoch ist er die Vernichtung jeglicher Voraussetzung von Existenz: von Leben, Zärtlichkeit, Zuwendung oder Fürsorge. Darüber hinaus gibt es im Feld der sogenannten „Realpolitik“ eine Tendenz zu „faustischen Pakten“. In der eskalierenden Bipolarität kriegerischer Vorgänge geht nicht selten der Kompass für ethisch richtiges Handeln verloren und mit ihm die moralischen Schranken in der Wahl von Kampfmitteln und Verbündeten. Dazu lassen sich zahllose Beispiele anführen; nur wenige seien genannt: der Einsatz von Streubomben oder Cargomunition, einer international geächteten Waffe, auf beiden Seiten im Ukrainekrieg.[25] „Saddam ist ein Hundesohn, aber er ist unser Hundesohn“, schrieb der Repräsentant der CIA im Irak im Juli 1979 nach Washington.[26] Solche dem „Wir“ zugeordnete „Hundesöhne“ gab es in der Geschichte der USA und ihrer Verbündeten viele: von den lateinamerikanischen Diktatoren über Saddam Hussein bis zu den Taliban und darüber hinaus. In dem durch den russischen Überfall auf die Ukraine veränderten internationalen Koordinatensystem ist die Allianz der NATO-Staaten auf Gefälligkeiten der Regierung des polnischen Staates angewiesen, dem vor kurzem wegen massiver Verstöße gegen rechtsstaatlich-demokratische Prinzipien der Zugang zu EU-Mitteln gesperrt wurde. Die neue Annäherung an ein autoritäres Regime wird dessen „postdemokratisches“ Selbstverständnis nicht verändern, sondern nur bestärken: „Am 10. März erklärte der Verfassungsgerichtshof, eine mit Kaczyńskis Loyalisten besetzte Scheininstitution, wichtige Regeln der Europäischen Konvention für Menschenrechte für verfassungswidrig. So wurde Polen – neben Russland – zum einzigen europäischen Land, das gegen das wegweisende europäische Menschenrechtsabkommen von 1950 verstieß“, stellt Maciej Kisilowski, Professor für Rechtswissenschaften an der Central European University, in aller Nüchternheit fest.[27]

Kriege werden von den Außenstehenden in der Regel durch ein Fernglas betrachtet. Durch dieses Fernglas lässt sich – wie im Fall der Ukraine – eine (über)große mediale Nähe erzeugen. Durch das Fernglas der Betrachter:innen kann ein Krieg aber auch weit, weit weggerückt werden – wenn man es verkehrtherum hält; so geschieht es regelmäßig im Fall der vielen „außereuropäischen“ Kriege. Eine vergleichgültigende Wahrnehmung von Kriegen wird sowohl durch zu große Nähe als auch durch Distanz hervorgerufen. Wer hat im Schatten des „europäischen“ Krieges in der Ukraine die sog. „vergessenen Kriege“ und deren Opfer wahrgenommen? Etwa: Bandengewalt und -kriege in Haiti und Burkina Faso, der gescheiterte Waffenstillstand von 2022 im Jemen, die Kämpfe von mehr als 100 bewaffneten Gruppen im Ostkongo, um nur einige wenige zu nennen.[28] Es käme einer nicht nur wahrheitswidrigen, sondern auch gefährlichen Vereinfachung gleich, sich in der habituell gewordenen eurozentrischen Verengung unserer Wahrnehmung nur auf den einen „europäischen“ Krieg zu konzentrieren und die anderen abzutun, als gingen sie uns nichts an, als beträfen sie uns nicht.

Tastende Schritte hin zu einer Ästhetik des Friedens

Die Geschichte von Clément, die diesen Text eröffnete, ging weiter: Nachdem er von seiner Einheit desertiert war, floh er über die Grenze ins Nachbarland, in dem er sich zwei Jahre lang aufhielt. Da er dort nicht Fuß fassen konnte und ohne Job blieb, war er auf Betteln wie Stehlen angewiesen. Also floh er weiter nach Nordafrika und von dort mit einem Schlepperboot über das Mittelmeer. Schließlich landete er in Österreich und erhielt nach einem lang dauernden Verfahren Asyl. Während des Verfahrens kam er zweimal in Schubhaft und wurde dort von mehreren ehrenamtlichen Helfer:innen betreut. Nachdem er bereits mehrere Jahre als anerkannter Flüchtling in Österreich gelebt hatte, heiratete er eine Asylwerberin aus seinem Heimatland. Die Ehe scheiterte. Er wurde mehrere Male gewalttätig gegen sie, erhielt eine polizeiliche Wegweisung und hätte beinahe seinen Asylstatus verloren. Eine Männerberatungseinrichtung vermittelte ihm einen Platz bei einem Psychotherapeuten, der auf traumatisierte Kriegsflüchtlinge spezialisiert war.

Cléments Geschichte erzählt von einem langen Weg mit vielen tastenden Schritten hin zu einem Leben in Frieden. Sie beginnt mit seiner Erkenntnis: „Ich kann nicht mehr mitmachen!“ Weiter führt sein Weg von der Desertion über die Entscheidung, den lebensgefährlichen Fluchtweg über das Mittelmeer zu wagen bis zur Betreuung in der Schubhaft, die ihn vor dem Suizid bewahrte, und – über die Erfahrung einer Beziehung, die er selbst zerstört hat – hin zu einer Traumatherapie, in der er begann, sich ernsthaft mit den internalisierten Erfahrungen erlebter und eigener Gewalthandlungen auseinanderzusetzen.

In den vorangegangenen drei Abschnitten versuchte ich zu zeigen, in welcher Weise durch eskalierte Gewaltsituationen und Krieg individuelle wie kollektive Wahrnehmung verzerrt und begrenzt werden kann; auch umgekehrt: wie Vorstellungen und Bilder von Krieg durch ästhetische Muster und Wahrnehmungsstrukturen geformt werden. Abschließend möchte ich mir in drei Schritten Gedanken machen über die unsicher tastenden Schritte hin zu einer praktischen Wahrnehmung von Frieden. Der zweite Teil der Geschichte von Clément zeigt, wie solche mühsamen, von Retraumatisierung und Scheitern begleiteten Schritte in Richtung Frieden in einer einzelnen Lebensgeschichte aussehen können. Welche Fragen tauchen auf, wenn wir diese individuelle Erfahrung versuchen zu verallgemeinern?

Ohne eine ungeschönte, möglichst genaue Wahrnehmung der Bürgerkriegssituationen in Zentralafrika und insbesondere in der Region, in der die Einheit des Kindersoldaten Clément operierte, kann man seine Geschichte nicht angemessen verstehen. Das bedeutet: Wahrnehmung von Frieden beginnt bei einer möglichst genauen Wahrnehmung von Gewalt- und Kriegssituationen. Und gleichzeitig ist eine kritische Distanz zum eigenen Wahrnehmungsvermögen vonnöten, das – wie ich in den vorigen Abschnitten zu zeigen versuchte – perspektivisch eng begrenzt und kontextbezogen ist. Dieselbe perspektivische und kontextuelle Begrenztheit bestimmt auch unsere Friedenswahrnehmung. Diese Grenzen haben u.a. mit der intergenerationalen Weitergabe von Traumatisierungen und Verlusterfahrungen zu tun – sowohl in der persönlichen Familiengeschichte als auch im historischen Kontext der Gesellschaften, in denen wir leben.

Ich wähle als Beispiel zur Verdeutlichung eigene perspektivische Begrenzungen: 1955 in Österreich geboren, wuchs ich in einer Familie und in einem sozialen Umfeld auf, wo das Ende des Zweiten Weltkrieges und der darauffolgende Friede als „Zusammenbruch“ wahrgenommen wurde. Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht zum 7. Mai 1945 endete für meine Eltern und für viele ihrer Schulkolleg:innen, Nachbar:innen, Freund:innen, die sich begeistert dem „Führer“ und der NS-Ideologie angeschlossen hatten, ein Lebenstraum. Die Machtübernahme im Gebiet des ehemaligen Österreich durch die Alliierten wurde von ihnen nicht als Befreiung, sondern als Besatzungsregime verstanden. Als Kind erlebte ich in meiner Familie noch die ideologische und emotionale Distanz zu einer demokratischen Nachkriegsordnung wie auch zum österreichischen Staat, der als nicht lebensfähiger, gewaltsam abgetrennter Teil des eigentlich „naturgemäßen Großdeutschen Reiches“ verstanden wurde. In diesen Widersprüchen gefangen habe ich während meines weiteren Lebens tastende Schritte auf dem Weg zu einer anderen Wahrnehmung von Frieden unternommen – im Bewusstsein, dass ich die Begrenztheit meiner Wahrnehmung wie die Ambivalenzen konkreter Friedensästhetik nicht aufheben kann.

Ästhetische Medien von Friedenswahrnehmung

Was sind ästhetische Medien, die eine solche, möglichst genaue Friedenswahrnehmung vermitteln können, indem sie die eigenen perspektivischen Grenzen kritisch reflektieren? Ein zentrales Medium ist die Zeugenschaft: das Dokumentieren dessen, was ist.

Der 1860 in Belarus (Weißrussland) geborene Historiker Simon Dubnow trat zur Jahrhundertwende als einer der ersten Erforscher der russisch-jüdischen Geschichte hervor. Sein Wohnort Riga wurde am 1. Juli 1941 beim Überfall auf die Sowjetunion von der Deutschen Wehrmacht eingenommen. Am 12. November 1941 befahl Heinrich Himmler, die etwa 30.000 im Rigaer Ghetto zusammengepferchten Juden zu ermorden. Bei der zweiten Massenmordaktion am 8. Dezember wurde Simon Dubnow gefangen genommen und von einem lettischen Bewacher durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet. Gemäß einem Gerücht, das später Legende wurde, soll Dubnow, als er zu seiner Ermordung abgeführt wurde, an die Umstehenden gerichtet gesagt haben: “Schreibt, Leute, zeichnet alles auf!”[29]

Eben diese Aufforderung begegnet auch heute noch denjenigen, die in der Friedens- und Menschenrechtsarbeit tätig sind. Sie wird von Betroffenen an uns gerichtet – aus dem fundamentalen Bedürfnis heraus, dass jenes Unrecht, das ihnen geschieht, wahrgenommen wird. Es soll nicht untergehen, nicht dem Vergessen anheimfallen. Die Aufforderung bildet ein wesentliches Motiv für die Pflicht zur Dokumentation. Zwei Beispiele von Dokumentationsprojekten: In The Reckoning Project – Ukraine Testifies werden Journalist:innen für ihre Recherchen juristisch ausgebildet, damit ihr Material auch vor Gericht als Beweismittel gegen Kriegsverbrechen verwendet werden kann;[30] die „Gacaca“-Gerichtsbarkeit 2005-2012 mit rund 13.000 Gerichten in ganz Ruanda diente der juristischen wie kollektiven Aufarbeitung der Völkermorde, bei denen Opfer und Täter das Geschehen rekonstruierten und das Leid der Opfer öffentlich sichtbar gemacht werden sollte.[31]

Zeugenschaft als ein Schritt hin zu Friedenswahrnehmung steht vor ähnlichen Problemstellungen, wie ich sie für die Wahrnehmung von Gewalt- und Kriegssituationen geschildert habe. Ein wichtiges Problemfeld ist die Frage einer notwendigen Auswahl, also der Prioritätensetzungen und der damit verbundenen Nichtwahrnehmung von Friedens- und Menschenrechtsverletzungen. In der Dokumentationsarbeit erzeugt die ungeheure Fülle von potentiell wahrnehmbaren Handlungen ein Problem: Die Akteur:innen stehen vor einem ethischen Dilemma – nämlich der theoretischen Verpflichtung, alles dokumentieren zu müssen und gleichzeitig niemals alles dokumentieren zu können. Selbst die vorgängige Eingrenzung auf regionale Dokumentationsarbeit befreit nicht aus diesem Dilemma, weil auch in einem einzelnen Land, Gebiet, Bezirk etc. niemals alle Handlungen lückenlos erfasst, dokumentiert und bearbeitet werden können. Im Jahr 2022 wurden – je nach Definition – ca. 40 Kriege sowie über 170 gewaltsam ausgetragene Krisen weltweit erfasst.[32] Eine mögliche Schwerpunktsetzung ist – neben der regionalen Eingrenzung – die Fokussierung auf Handlungen, die besonders verletzliche Gruppen von Menschen oder Einzelpersonen wie z.B. Kinder und Jugendliche, Frauen, alte oder kranke Personen, Menschen mit Behinderungen oder Angehörige von Minderheiten betreffen.

Ein weiteres Medium unverstellter Friedenswahrnehmung ist die Beschreibung konkreten Handelns im sozialen Nahraum. Denn die Abstraktion und Verallgemeinerung vonhäufig wiederkehrendenGewalt- und Kriegssituationenin Statistiken oder in einer abstrakten Begrifflichkeit lässt die betroffenen Menschen dahinter verschwinden. Friedenswahrnehmung bedeutet auch, „darüber [zu] sprechen, auf welchem Weg sich eine Tragödie für uns in eine Statistik verwandelt“[33]. Die Reduktion komplexer Ursachen oder Folgephänomene von Gewalt und Krieg wie Hunger, Armut und/oder Ausbeutung auf einen Begriff erzeugt zudem den Schein von rascher und voraussetzungsloser Erfassbarkeit. Damit macht sie solche Phänomene medial darstellbar.[34] Begriffe wie „Bürgerkrieg“, „völkerrechtswidriger Überfall“, „Kriegsverbrechen“ etc. erlauben scheinbar, die Gesamtdimension solcher Ereignisse darzustellen, ohne ihre heil-lose Komplexität erfassen zu müssen. Außerdem bleibt der Schock vertausendfachter konkreter Einzelerfahrungen aus: Die Luftaufnahme mit der Totale eines Massakers ist leichter zu ertragen als eine Kamerafahrt mit Nahaufnahmen tausender von toten Gesichtern.

Unter dem Raster einer solchen „Vogelperspektive“ auf Kriegsereignisse gehen konkrete, begrenzte Friedenshandlungen, die sich auf der Ebene eines Mikrokosmos abspielen, leicht verloren: Die Autorin und Verlegerin Kateryna Mishchenko erzählt in ihrem Bericht über den russischen Überfall auf die Ukraine von den sogenannten „Punkten der Unbeugsamkeit“. Das sind öffentlich zugängliche Orte, die eingerichtet wurden, nachdem die gezielten Angriffe des russischen Militärs immer wieder die Infrastruktur lahmlegten. An diesen Orten gibt es, für alle zugänglich, Lebensmittel, Strom, Wasser und Wärme in kalten Zeiten: ein einfacher Akt der Weitergabe von Energie und Überlebensmitteln, ein Realisieren von Frieden mitten im Krieg.[35] Annemarie Sancar beklagt in ihrem Beitrag im Buch zurecht, dass die Schilderungen von Frauen, die das Überleben im Krieg organisieren, in den politischen Debatten kaum wahrgenommen werden: Die Lebensbedingungen von Frauen in der Ostukraine waren und sind äußerst prekär. Sie schreibt: „Die Armut ist groß, und viele Frauen haben Gesundheitsprobleme. Sie leiden unter fehlendem Einkommen und ausbleibenden Renten. Wer kann, geht – noch heute – in den Westen. Zurück bleiben alte, gebrechliche Menschen, Frauen mit Care-Pflichten.»[36] Nach Schätzungen des Welternährungsprogramms der UN haben im syrischen Bürgerkriegsgebiet über 12 Millionen Menschen nicht ausreichend zu essen; etwa 360.000 Kinder sind mangelernährt. Was bedeuten diese Zahlen für betroffene Menschen? Vielfach sind es die Mütter, die mit ihren Kindern vor Bombardements aus Flüchtlingslagern flüchten müssen, nicht ausreichend Nahrung für sie finden und miterleben, wie die Mangelernährung und der Hunger sie zerstört. Sie sind auf der permanenten Suche nach Nahrung und nach Stationen, wo Konvois der internationalen Organisationen Hilfsgüter verteilen.[37] Eine solche Station ist das Nachbarschaftszentrum des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (Jesuit Refugee Service, JRS) in Jaramana, einem vornehmlich von Drusen bewohnten Stadtviertel in Damaskus, das täglich bis zu 700 Kinder betreut.

Ein letztes Beispiel für ein Medium von Friedenswahrnehmung: Vertrauen bilden in einem Kontext des Misstrauens. Was die Kommunikation in der Friedens- und Menschenrechtsarbeit oft erschwert, ist die unheilvolle Zirkelbewegung wechselseitigen Misstrauens. Sie resultiert nicht zuletzt aus dem Zusammentreffen zweier Welten: aus der Differenz zwischen denjenigen, die in der Situation des persönlichen Erlebens von Gewalterfahrungen stehen, und jenen, die außerhalb solcher Erfahrungen geblieben sind. Diese Kluft kann das Verhältnis zwischen Betroffenen und Friedensakteur:innen problematisch werden lassen: Kann ich als Mitarbeiter:in einer NGO oder als Sozialarbeiter:in nachvollziehen, was eine junge afghanische Frau zu der mühsamen und gefahrvollen Flucht nach Österreich bewogen hat? Kann ich als betreuender Menschenrechtsarbeiter verstehen, warum ein junger somalischer Mann zu sporadischen, scheinbar unkontrollierbaren Wutausbrüchen neigt? Aus eigener Erfahrung mit solchen Begegnungen vermute ich: Wir können es manchmal nicht, manchmal nur äußerst begrenzt. Denn wir erleben nur die Existenz dieser Menschen in ihrer Zeit „danach“, die geprägt ist von einer Erfahrung, die wir nicht nachvollziehen können. Aber: Wir können im Kontakt bleiben und über das gemeinsame Erleben einer neuen, sicheren Umwelt im Ankunftsland langsam Spurenelemente von Vertrauen aufbauen – trotz des fundamentalen Unterschieds zwischen erlebter und nicht erlebter Gewalterfahrung.

Die hier vorgenommene Schilderung von Problemfeldern in der Wahrnehmung von Krieg und Frieden soll nicht als Aufforderung zur Resignation missverstanden werden. Genauso wenig wollte ich von der Unmöglichkeit gelingender Friedensarbeit sprechen. Vielmehr ist sie zu verstehen als Anleitung, deren Grenzen wahrzunehmen, diese Grenzen als Herausforderung anzunehmen und eine (selbst)kritische Ästhetik als wesentlichen Bestandteil von Friedensarbeit zu integrieren. Wollen wir uns der Wahrheit des Geschehenen öffnen, wie sie uns das Zeugnis von Betroffenen übermittelt, bleibt uns nichts übrig, als Schweigen zuzulassen, das Misstrauen der Betroffenen jenen gegenüber zu akzeptieren, die ihre Gewalterfahrungen nicht teilen, und einen Raum für langsam wachsendes Vertrauen zu schaffen. Das Wahrnehmen existentieller Zeugnisse von Gewalterfahrungen braucht Zeit. Die Verletzungen sind Realität. Sie heilen nie ganz. Jean Améry schreibt in einem Brief an Sebastian Haffner: „Meine Verletzung deckt keine neue, festverwachsene Haut, und wo eine solche sich schließen will, reiße ich sie auf, da ich doch weiß, dass unter ihr der Eiterungsprozess weitergeht.“[38] Denn erst aus dem Vertrauen der anderen erwächst das Vertrauen zu sich selbst und daraus wiederum eine Beziehung zur eigenen Geschichte – mit ihren Gewalterfahrungen und mit deren Folgen im Leben danach.

Handeln für Frieden beginnt dort, wo wir uns der Ohnmacht unserer Wahrnehmungen stellen, nicht sofort wissen, was richtig und falsch, was gut und böse ist, uns nicht in bequeme, polarisierende Stereotype hineinbegeben. Frieden wahrnehmen bedeutet, die Heimatlosigkeit jener auszuhalten, die mit den Widersprüchen einer sowohl von verletzender Gewalt als auch von heilendem Friedenshandeln geprägten Wirklichkeit leben.

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 Hirigoyen, Marie-France, Die Masken der Niedertracht, München 2010.

Hrytsyna, Yuriy, „Nobody will come“ – Bildohnmacht in Zeiten des gestreamten Krieges, in: Mishchenko, Kateryna / Katharina Raabe (Hg.), Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegenwart der Ukraine, Frankfurt/Main 2023, 167-176.

Jünger, Ernst, In Stahlgewittern, hg. von Helmuth Kiesel, Stuttgart 2013.

Kaul, Susanne / Jean-Pierre Palmier, Quentin Tarantino. Einführung in seine Filme und Filmästhetik, München 2013.

Kisilowski, Maciej, Braucht der Westen Autokraten, um Putin zu bekämpfen?, in: Der Standard. Kommentare der anderen, 25.3.2022. https://www.derstandard.at/story/2000134394512/braucht-der-westen-autokraten-um-putin-zu-bekaempfen.

Landmann, Georg Peter, Das Gedicht vom Kriege. Homers Ilias, Heidelberg 1992.

Mautner, Josef P., Bezeugen, was ist. Zeugenschaft in der Menschenrechtsarbeit, in: Ders. (Hg.), Regionale Menschenrechtspraxis. Herausforderungen – Antworten – Perspektiven, Wien – Berlin 2018,235-261.

Mayer, Tobias, Der Diktator von Bagdad, Deutschlandfunk, 16.7.2009. www.deutschlandfunk.de/der-diktator-von-bagdad-100.html.

Mishchenko, Kateryna, Spiegel der Seele, in: Mishchenko, Kateryna / Raabe, Katharina (Hg.), Aus dem Nebel des Krieges, 9-18.

Mishchenko, Kateryna / Raabe, Katharina (Hg.), Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegenwart der Ukraine, Frankfurt/Main 2023.

Schickel, Joachim, Der Logos des Spiegels. Struktur und Sinn einer spekulativen Metapher, hg. von Hans Heinz Holz, Bielefeld 2012.

Welsch, Wolfgang, Ästhetisches Denken, Stuttgart 2017.

Dokumente:

Convention on Cluster Munitions – CCM, (2010). www.clusterconvention.org/convention-text/.


[1] Zitiert in einer Besprechung seines Films „Human Flow“: vorwaerts.de/artikel/filmtipp-human-flow-ai-weiwei-zeigt-gesichter-flucht.

[2] Der Vorname ist fiktiv. Grundlage sind die Dokumentationen von Fluchtgeschichte im Rahmen des Monitorings der Plattform für Menschenrechte Salzburg (www.menschenrechte-salzburg.at). Der Name ist erfunden, die Geschichte ist fiktiv, jedoch aus den Fakten verschiedener Fluchtgeschichten zusammengesetzt. Im jährlichen UN-Bericht (publ. June 2023) über „Kinder, die von Armeen oder bewaffneten Gruppen rekrutiert und eingesetzt werden“, werden bewaffnete Konflikte in über 20 Ländern aufgelistet, in denen ca. 250.000 Kinder als Soldat:innen eingesetzt werden: https://childrenandarmedconflict.un.org/document/secretary-general-annual-report-on-children-and-armed-conflict-2/.  

[3] Der Psychologe und Konfliktforscher Friedrich Glasl hat neun idealtypische Eskalationsstufen für Konflikte in Interaktionen beschrieben, die sich in abgewandelter Form auch auf gesellschaftliche oder politische Konflikte umlegen ließen. Siehe: Glasl, Konfliktmanagement, 127. Zu möglichen friedensethischen Schlussfolgerungen siehe das Interview mit Glasl: „Wir sind blind für alternative Möglichkeiten, Frieden zu schaffen.“, in: netzwerk ethik heute, 11. Mai 2022. ethik-heute.org/wir-sind-blind-fuer-alternative-moeglichkeiten-frieden-zu-schaffen/.

[4] Siehe z.B. die Beiträge von Heiner Bielefeldt oder Ute Finckh-Krämer.

[5] Auch darauf hat Ute Finckh-Krämer in ihrem Beitrag hingewiesen.

[6] Analog zu den neun Eskalationsstufen von Konflikten hat Glasl auch Interventionen der Konfliktbearbeitung bzw. -transformation definiert, die idealtypisch einen Befriedungsprozess beschreiben können: Glasl, Konfliktmanagement, 129ff.

[7] Vgl. Welsch, Ästhetisches Denken. Welsch schreibt im Vorwort: „Wirklichkeit erwies sich immer mehr als nicht ‚realistisch‘, sondern ‚ästhetisch‘ konstituiert. Wo diese Einsicht durchdringt – und das geschieht heute weithin –, da legt die Ästhetik den Charakter einer speziellen Disziplin ab und wird zu einem generellen Verstehensmedium für Wirklichkeit.“ (9)

[8] Siehe Landmann, Das Gedicht vom Kriege.

[9] Vgl. seinen monumentalen Dokumentarfilm Human Flow (D/USA 2017). In einem Kommentar zu diesem Film (siehe Fußnote 1) trifft Ai Weiwei die eingangs zitierte grundlegende Feststellung zum Zusammenhang von Ethik und Ästhetik.

[10] Dabei geht oft das Element der Komik in Tarantinos Filmen verloren. Vgl. dazu: Kaul / Palmier, Quentin Tarantino.

[11] Ein Beispiel dafür wären abstrakte Aufrufe zu Gewaltverzicht – etwa in pazifistischer Literatur nach dem Ersten Weltkrieg.

[12] im Sinne von Walter Benjamins Diktum, das eine abstrakte pazifistische Doktrin kritisiert: „Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg.“ (in der Friedensware übertitelten Rezension von Fritz von Unruhs Buch Flügel der Nike – Buch einer Reise): Benjamin, Gesammelte Schriften III, 25.

[13] Im Sinne einer dialektischen Erweiterung von Benjamins Diktum: „Wer den Frieden will, rede von Krieg und Frieden.“

[14] Der chinesische Militärstratege Sunzi schrieb in seiner Kunst des Krieges: „Jede Kriegsführung beruht auf Täuschung.“ (Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, 126).

[15] Akteure sind z.B.: die internationale, von der NATO akkreditierte Militärorganisation Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence oder die russische IT-Firma NTC Vulkan, zu deren Kunden die drei wichtigsten Nachrichtendienste der Russischen Föderation gehören.

[16] Vgl. dazu etwa: Schickel, Der Logos des Spiegels.

[17] Hrytsyna, Nobody will come, 168.

[18] www.derstandard.at/story/2000146496372/wie-fluechtlinge-auf-lesbos-entfuehrt-und-im-meer-ausgesetzt-werden. Die Beobachtungen von Fayad Mulla wurden durch Recherchen der New York Times bestätigt: www.nytimes.com/2023/05/19/world/europe/greece-migrants-abandoned.html

[19] Rede von Slobodan Milosevic am 28.6.1989 in Gazimestan. eeo.aau.at/wwwg.uni-klu.ac.at/eeo/Milosevic_Rede.pdf.

[20] Der Konflikt um die Zugehörigkeit des Kosovo dauert bis heute an, und bis heute wird in diesem Zusammenhang das als transhistorisch verstandene Motiv der Schlacht auf dem Amselfeld beschworen. Siehe etwa die Unruhen in mehreren Gemeinden des Kosovo Mai/Juni 2023: www.tagesschau.de/ausland/europa/kosovo-serbien-126.html.

[21] Die sog. „Pilatusfrage“ ist in der Leidensgeschichte des Johannesevangeliums (Joh 18,38) im Kontext des Prozesses gegen Jesus überliefert – und zwar als Erwiderung des römischen Statthalters Pontius Pilatus auf die Feststellung Jesu: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh 18,37).

[22] Ukraine war: Holocaust survivor killed by Russian shelling in Kharkiv, in: BBC News, 21 March 2022. www.bbc.com/news/world-europe-60826303. Siehe auch: www.stiftung-gedenkstaetten.de/en/newsroom/archivierte-meldungen/boris-romantschenko-getoetet. Zum „Schwur von Buchenwald“ siehe: dasjahr1945.de/der-schwur-von-buchenwald/.

[23] Vgl.: Barthes, Die Lust am Text, 10. Roland Barthes charakterisiert „plappernde Texte“ als „imperativisch“, „automatisch“ und „lieblos“.

[24] Wie etwa Ernst Jünger den Krieg als Erfahrung heroischer Initiation eines männlichen weißen Selbst beschrieben hat: Jünger, In Stahlgewittern; vgl. die historisch-kritische Ausgabe von Helmuth Kiesel bei Klett-Cotta 2013.

[25] 123 Staaten haben bisher die internationale Convention on Cluster Munitions (CCM), die 2010 in Kraft trat, unterzeichnet und sich somit verpflichtet, keine Streumunition einzusetzen: www.clusterconvention.org/convention-text/.

[26] Mayer, Der Diktator von Bagdad.

[27] Kisilowski, Braucht der Westen Autokraten, um Putin zu bekämpfen? Vgl. noch zur menschenrechtswidrigen Behandlung von nicht-ukrainischen Geflüchteten in Polen: Grünberg, Was der Autor Arnon Grünberg in einem polnischen Festhaltelager erlebt hat, www.derstandard.at/story/3000000177976/heimat-ist-eine-vorstellung-zu-besuch-in-e.

[28] Berichte dazu: www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/12-vergessene-krisen-2022/256682; www.rescue.org/de/artikel/die-zehn-schlimmsten-humanitaeren-krisen-2023.

[29] Vgl.: Hilbrenner / Berg, Der Tod Simon Dubnows in Riga 1941. Zur Zeugenschaft im Kontext von Menschenrechtsarbeit; siehe auch: Mautner, Bezeugen, was ist.

[30] www.thereckoningproject.com/.

[31] Ein traditionellen Gerichtstraditionen entlehntes Modell von Laiengerichtsbarkeit, das wegen seiner Anfälligkeit für Missbrauch Kritik ausgesetzt war: Borland, The Gacaca Tribunals and Rwanda after Genocide.

[32] Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) erstellt jährlich ein sog. Conflict Barometer, einen Bericht zum Vorkommen von Konflikten unterschiedlicher Intensitätsstufen weltweit: hiik.de/konfliktbarometer/aktuelle-ausgabe/.

[33] Grossman, Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse, 89.

[34] Denn ein wesentlicher Faktor bei der Messung von Medienbeachtung ist – neben Frequenz, Rangfolge und Präsentationsform – der Umfang und die rasche Erfassbarkeit einer Nachricht.

[35] Mishchenko, Spiegel der Seele, 14.

[36] Sancar, Feministische Politiken in Zeiten von Krieg und darüber hinaus. Oksana Dutchak erzählt von den Überlebensstrategien vertriebener Frauen in und außerhalb der Ukraine mit ihren Kindern: Dutchak, Das Haus, in dem eine Frau wohnt.

[37] Siehe: www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/fakten-kindheit-syrien/313438.

[38] Amery, An Sebastian Haffner, Brief 318, 585f.

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