„Meine Träume wissen mehr als ich.“

Ein Gespräch mit Bogdan Bogdanovic

Josef Mautner: Die Aufzeichnungen der Träume, die in Ihren Erinnerungen mit dem Titel „Der verdammte Baumeister“ abgedruckt sind, sind nur einige wenige aus einer großen Menge von Traumaufzeichnungen, die in der sog. „grünen Schachtel“ aufbewahrt waren. Sie sagen in ihren Erinnerungen, dass dieses Aufzeichnen einem „seltsamen Bedürfnis“ entspreche – und dennoch haben sie sie aufgezeichnet. Was hat Sie bewegt, in dieser Zeit des Krieges Ihre Träume auf den Kärtchen fest zu halten und sie dann auch nach Wien, ins Exil mitzunehmen?

Bogdan Bogdanovic: Was ich in das Buch aufgenommen habe, ist nur ein Fragment meiner Träume. Es sind nur einige von den Zetteln, die ich in jenem Moment eingesteckt habe, als wir Belgrad verlassen mussten, und nach Wien mitgebracht habe. Auch diese Zettel waren nur ein Bruchteil meiner gesamten Aufzeichnungen.

Ungefähr acht Jahre später, als ich wieder nach Belgrad konnte, habe ich das ganze Haus durchforscht und versucht, alle Papierchen aus der „grünen Schachtel“ zusammenzusuchen. Denn in jenem Augenblick, als wir Belgrad verlassen mussten, hatte ich Angst – und das war auch durchaus wahrscheinlich! -, dass die Geheimpolizei in das Haus einbrechen und meine Schriften vernichten würde. Ich war sehr nervös, nahm die Zettel und versteckte sie an ganz unmöglichen Stellen: Ich stopfte sie in Töpfe, in Flaschen, versteckte sie in unserer Garderobe und so fort. Glücklicherweise haben wir alle Aufzeichnungen in unserer Belgrader Wohnung wieder gefunden und nach Wien mitgenommen. Hier habe ich einige von diesen Zetteln! (B.B. stellt eine Papiertüte auf den Tisch, die mit einer Vielzahl kleiner weißer Zettelchen angefüllt ist).

J.M.: Das wären ja mehrere Bücher!

B. B.: Es sind Zettel darunter, die nicht besonders interessant sind, aber es gibt auch sehr, sehr interessante. Ich stand nun vor dem Problem: Wie sind sie zu klassifizieren? Ich habe versucht, die Aufzeichnungen nach Grundthemen zu ordnen: die Träume über Haustiere, die Träume über Mäuse, über Katzen, Hunde, die Träume über meine Lektüre aus der jüngsten Zeit, die Träume über Peter Schlehmihl zum Beispiel. Er ist auf einmal aufgetaucht, ich weiß nicht warum. Peter Schlehmihl: mein Freund aus jungen Tagen, in einer Kinderbuchausgabe auf Serbisch. In der damaligen kritischen Situation sind auch meine Freunde aus der frühesten Jugendzeit wieder zu mir gekommen.

Die Träume sind für mich eine sehr komplizierte, eine heikle Frage. Sind diese Träume wirklich meine Träume, oder sind es auch die Träume meiner Urahnen? In allen Träumen findet sich etwas Archetypisches. Was ich sicher weiß, ist: Meine Träume, besser gesagt: unsere Träume – also die Träume meiner Ahnen -, sie sind klüger als ich selber. Sie wissen mehr als ich, sie verstehen mehr als ich. Es gibt eine Reihe von notierten Träumen, die ich erst jetzt beginne etwas zu verstehen. Denn in einem so dramatischen Moment, in einer Situation der Umkreisung, des Eingekesseltseins, in der wir uns während der letzten Jahre in Belgrad befanden, gerieten alle diese Notizen lakonisch und nervös.

J.M.: Haben Sie den Eindruck, dass die Träume Sie etwas gelehrt haben, Ihnen etwas mitgeteilt haben, was Ihnen im bewussten Leben nicht zugänglich war – gerade in der Situation von Bedrohung, in der Sie sich damals befanden?

B. B.: Es ist ein Wortspiel. Aber ich glaube, dass es dennoch sagt, was zu sagen ist. Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Träume mehr wissen als ich. Ich habe durch sie ein Gedächtnis, das weiter reicht als meines. Vielleicht ist es das meiner Ahnen? Ich habe selten versucht, meine Träume zu deuten. Ich wusste: Das ist eine Utopie. Es ist unmöglich. Wenn die Träume einmal aufgezeichnet sind und ich sie heute, viele Jahre später, wieder lese, verstehe ich viel besser, was sich in ihnen ereignet hat, was jemand mir mit ihnen sagen wollte – nein, am besten: was ich mir selber damit sagen wollte.

J.M. Sie schreiben in Ihren Erinnerungen, dass zuvor eine gewisse Harmonie zwischen Ihnen und Ihren Träumen bestanden hatte, die in jener Zeit des Krieges, in der Sie die ins Buch aufgenommenen Träume aufgezeichnet haben, verloren gegangen ist.

Bogdan Bogdanovic: Es ist interessant. Die Träume, die ich in mein Buch aufgenommen habe, sind ja nur ein kleiner Teil meiner Traumaufzeichnungen. Was ich feststellen konnte, war, dass meine Träume viel gutmütiger waren mir gegenüber, als man erwarten könnte. Es waren nicht diese zu erwartenden schrecklichen Träume in einer schrecklichen Zeit, in Kriegszeiten, in Zeiten des Verbrechens. Meine Träume waren so mild mir gegenüber, manchmal auch ein bisschen ironisch. Denn sie wissen ja viel mehr als ich, aber was sie wissen, kann ich nicht verstehen. Manchmal, im Lauf der Zeit, beginne ich ein wenig davon zu begreifen. Gerade in diesen schrecklichen Tagen – aber ich glaube, das gilt für mein Leben insgesamt – war ich dank meiner Träume nicht allein. Ich hatte immer eine Replik von Bogdan Bogdanovic um mich, vielleicht aber auch einen alten, uralten Bogdan Bogdanovic. Mein Vorname Bogdan und mein Name Bogdanovic leiten sich von dem selben Wort ab: „deodatus“, von Gott gegeben. Und das ist der Name eines Atheisten! Viele Bogdane waren bereits vor mir, das kann man aus meinen beiden Namen ableiten.

J.M.: In einem der Träume taucht noch eine andere Namenskombination auf: „Bogdan-Caligari“.

B. B.: Ja, ja. In diesen furchtbaren Tagen ist auf einmal ein Gespenst aus meiner Jugendzeit wieder aufgetaucht: mein Freund Caligari. Als ich jung war, in der Nachkriegszeit, war ich nicht besonders akkurat. Ich war schlecht gekleidet, unrasiert, und ich hatte schwere schwarze Brillen. Auch eine absurde Kappe trug ich. Deshalb nannten mich meine Freunde zum Spaß Caligari. „Ah, servus Caligari!“ hieß es. Caligari war damals in Belgrad eine sehr wichtige Personnage. Wir hatten eine ziemlich gute Kinothek, und wir hatten oft jenen expressionistischen Film gesehen. Caligari war damals mein Alter Ego.

J.M.: In den Träumen spielt auch Ihre Wohnung eine wichtige Rolle.

B. B.: Diese Wohnung ist auf eine träumerische Art und Weise arrangiert gewesen, voll mit Gegenständen, Flaschen … Unglaubliche, idiotische unverständliche Gegenstände waren in einer enormen Menge vorhanden. War das eine klassische Sünde des Sammlers? Oder war es die Angst vor dem Alleinsein, die mich dazu brachte – also das Sammeln der Gegenstände als Trick, um nicht allein zu sein, immer etwas zu haben, was einen besonderen Wert für mich hatte? Das weiß ich nicht. Meine Wohnung in Belgrad – also es wäre am besten, wenn Sie diesen Sommer nach Belgrad kommen. Dann könnte ich Ihnen zeigen, was noch immer von diesem Kriegszustand der Wohnung erhalten geblieben ist. Das Haus ist alt. Die Wohnung besteht aus zwei Wohnungen, die in eine zusammengefügt wurden. Die Wohnung: Das ist eine Fülle von Zimmern mit Büchern, Zeichnungen. Was ich mit meinen Zeichnungen anfangen soll, ist eine Frage, die mich depressiv stimmt. Soll ich sie sammeln und in Belgrad lassen? In einer normalen Situation wäre das ganz einfach zu entscheiden: Es gäbe ein Stadtmuseum, ein Staatsarchiv usw. Aber in einer solchen politischen Situation, wo jeden Tag wieder die Feinde der Demokratie, die auch meine Feinde sind, an die Macht kommen können! Ich glaube dass ich eine Auswahl treffen werde, die ich in mehrere Koffer packe und einigen von meinen ehemaligen Studenten gebe. Sie mögen sie aufbewahren für die besseren Zeiten. Denn ich glaube, dass auch für Serbien noch bessere, klügere Zeiten kommen werden.

J.M.: Haben Ihre Träumen diese Wohnung mit Ihnen bewohnt? Sie schreiben auch, dass die Träume sie belächelten, an der Nase herum führten – haben Sie damals mit Ihren Träumen gelebt?

B. B.: Die Wohnung war in den Jahren vor dem Krieg und auch während des Krieges voll mit allem, was in meiner Dorfschule in Mali Popovic hergestellt worden war. All das habe ich nach Belgrad gebracht: eine ungeheure Menge von Diapositiven, von Projekten und Skizzen, Zeichnungen, … Dieses Jahr war ich ein Monat lang in Belgrad, und ich habe begonnen, all das in eine Ordnung zu bringen. Ich habe immer viel gezeichnet, immer viel mehr als nötig ist für einen Architekten. Ich habe eine so große Lust zu zeichnen! Manchmal zeichnete ich, projektierte ich Dinge erneut, die ich bereits gebaut hatte: noch eine Zeichnung, noch eine bessere … und leider: Immer kann man etwas, das man schon gemacht hat, neu machen, wieder machen! Sie kennen sicher mein Monument in Jasenovac. Es wurde jetzt sehr gut restauriert. Es war für mich ein großer Tag, als ich bei der Inauguration war. Denn ich glaubte schon, dass das Monument für alle Zeit verloren sein würde. Aber es existiert!

J.M.: Im ersten Traum schildern Sie, dass Sie die Tür zur Terrasse gehalten haben, gestützt haben. Der Krieg sollte draußen bleiben. Ich habe diesen Traum so gelesen: Sie haben versucht, die äußere Wirklichkeit, den Krieg draußen zu halten mit Ihren Zeichnungen, mit Ihren Entwürfen und Ideen …

B. B.: Sie haben den Traum richtig gelesen. Denn die Träume haben auch – unter dem vielen anderen, das sie haben – etwas Apotropäisches, etwas Verteidigendes. In schlimmen Situationen: Auch Ihre schärfsten, die finsteren Träume haben etwas, was auf Ihrer Seite ist. Jemand – ich oder ein anderer, ich weiß nicht wer – spricht im Traum zu mir, der mein Freund ist. Ich war immer befreundet mit meinen Träumen. Es war eine Art von Beziehung, ein Dialog zwischen mir und mir. Es gibt einen Bogdan vom Tag und einen der Nacht. In meinen Träumen sind wir beide zusammen: der Bogdan des Tages und der Bogdan der Nacht.

J.M.: Die Terrasse hat offenbar auch eine Rolle gespielt.

B. B.: Ja. Aber die ist verändert. Als Friedrich Achleitner mich in Belgrad besuchte, wollte er als allererstes diese Terrasse sehen. Die Terrasse wurde verändert, weil sie in der Zwischenzeit durch die viele Erde, die darauf lag, begonnen hatte durchzufeuchten. Aber ich habe dennoch diese paar Quadratmeter wieder gesehen.

J.M.: Welche Bedeutung hatte die Terrasse in Ihren Träumen?

B. B.: Keine besondere. Die Terrasse war selber eine Traumwelt. Dort herrschte eine sehr wilde Vegetation. In diesen Kriegsjahren, als ich es nicht wagte, aus dem Haus zu gehen, war sie der einzige Ort, wo ich nach draußen konnte, wo ich ein wenig Gymnastik machen konnte, ein bisschen im Kreis spazieren konnte. Bei Tag konnte ich nur im Sommer hinaus, denn dann waren die Pflanzen grün und voller Blätter. Also konnte ich mich dort verstecken. Im Winter konnte ich bei Tag nicht hinaus gehen, denn die Pflanzen waren ohne Blätter. Dann ging ich nur bei Nacht auf dieses kleine Terrasschen.

J.M.: Ein Traumbild hat mich besonders beeindruckt: Sie beschreiben in einem Traum, wie Ihre Bibliothek voll schmutzigen Schnees war, dass ein Rabe plötzlich dort war. Sie fragten sich im Traum, wie der dort hin kommt.

B. B.: Dieser Traum, das ist Klassik des Unbewussten! Dieser Rabe war sehr unangenehm. Ich glaube, dass ich seinen Geruch noch immer in der Nase habe! Ganz feucht, das Gefieder voll mit Wasser saß er auf der Bergère. Der Bursche ist gekommen. Das war der schrecklichste Kriegstraum.

Mein Umgang mit den Träumen, das war eine Art von Selbstverteidigung. Denn später habe ich meine Träume ziemlich diszipliniert, wenn man das so sagen kann. Ich habe sie gelehrt, mich nicht mehr zu erschrecken, auf eine freundliche Art und Weise mit mir zu kommunizieren. Sie waren immer ein wenig älter als ich, ein bisschen klüger als ich – das ist etwas Ödipales. Sie können ruhig ein wenig Spaß machen mit mir … Diese Form des Umganges war eben eine Form der Verteidigung in diesen schrecklichsten Jahren des Krieges und des Verbrechens.

J.M.: Können Sie einen dieser späteren, freundlichen Träume erzählen?

B. B.: Auf diesen Zetteln habe ich ungefähr vier- bis fünfhundert Träume aufgezeichnet. Manche von ihnen haben wirklich Humor: zum Beispiel die Träume über Tiere. Ich träumte auch über unbekannte Städte, über Städte, die ich niemals sehen konnte. Ich unterrichtete an der Universität die Geschichte des Städtebaus. Also habe ich auf Plänen und auch in natura viele Städte gesehen. Aber im Traum waren es immer unbekannte Städte, ganz ganz unbekannte. Sie waren Komposita. In einer stilistischen Weise waren sie nicht besonders kompliziert, eine Kombination mit Orientalismen zum Beispiel. Mehrere Male habe ich von einem Belgrad geträumt, das nicht Belgrad ist. Von einem römischen Belgrad zum Beispiel habe ich geträumt. Es gab kein römisches Belgrad, aber im Traum war es eben römisch. Auch ein ungarisches Belgrad habe ich geträumt, ein deutsches, ein türkisches. Belgrad war sehr oft Gegenstand meiner Träume.

Etwas sehr Interessantes gab es in allen diesen Träumen: Belgrad war immer geteilt in ein überirdisches Traum-Belgrad und in ein unterirdisches. Das unterirdische war sehr ausgedehnt, mit Katakomben und langen Gängen. Noch eine zweite Teilung tauchte auch in meinen Träumen auf, eine kulturhistorische. Die Stadt war geteilt in eine Donau-Belgrad und in ein Save-Belgrad. Diese Aufteilung auf die beiden Flüsse ist archetypisch, denn im Serbischen ist „die Save“ weiblich und „der Donau“ männlich. Der Zusammenfluss, die Vereinigung von Save und Donau hat also etwas Sexuelles in einem ganzheitlichen Sinne. Donau-Belgrad war türkisch und moslemisch oder österreichisch und westlich. Save-Belgrad war viel kleiner und ein bisschen serbisch. Dort wo wirklich Serben zuhause waren in Belgrad, das war Save-Belgrad. Es ist interessant, dass diese zwei Belgrad in meinen Träumen sehr streng getrennt sind, auch wenn ich fliege. Es passiert mir nicht besonders oft, dass ich fliege. Aber selbst wenn ich fliege, fliege ich niemals vom Save-Belgrad ins Donau-Belgrad und umgekehrt. Es gibt eine unsichtbare Grenze, auch in meinen Träumen. Die kulturhistorische Grenze zwischen den beiden Belgrad hat sich in meinen Träumen wiederholt.

J.M.: Gab es auch eine Grenze zwischen dem Belgrad über der Erde und dem unterirdischen? Haben sich diese beiden Städte durch kulturelle oder andere Merkmale unterschieden?

B. B.: Nein. Das chthonische Belgrad ist viel interessanter als das an der Luft. In allen meinen Träumen findet sich inkorporierte Literatur. Was ich gelesen habe, taucht dort auf. Auch Bilder aus der modernen Welt kommen vor. Wie gesagt, das unterirdische Belgrad ist interessanter, und diese Träume hatten auch ein positives Vorzeichen: Ich fühlte mich sehr wohl auf meinen unterirdischen, ausgedehnten Spaziergängen. Ich war immer schon ein leidenschaftlicher Spaziergänger. In meinen Träumen habe ich Hunderte von Kilometern zurückgelegt in unterirdischen Städten, durch unterirdische Prospekte und Landschaften. Wenn man fliegt in Träumen, so ist das ein wenig banal; das ist Literatur. Aber jede chthonische Welt …, diese unterirdische Welt, das war etwas! Nach diesen nächtlichen, unterirdischen Spaziergängen, am nächsten Tag, fühle ich mich ziemlich gut, sportlich ertüchtigt.

J.M.: War das geträumte unterirdische Belgrad ein Spiegelbild des geträumten an der Erdoberfläche?

B. B.: Das Belgrad in meinen Träumen ist nicht Belgrad. Nein, das kann auch nicht Belgrad sein! Es ist nur Belgrad, weil ich sage, dass es Belgrad ist. Die obere Schicht, also das obere Belgrad, noch genauer: die oberen Belgrade in den Träumen waren mehr oder weniger phantastisch. Denn es gab auch die orientalischen Belgrade, phantastisch orientalische Städte mit weiß-blauen Kuppeln, mit Moscheen. Ihr Orientalismus war ein europäischer Orientalismus, in Träumen wiedererweckt.

J.M.: Die Trennung zwischen Donau- und Save-Belgrad, hat sich die auch unter der Erde fortgesetzt, war die unsichtbare Grenze auch unter der Erde wirksam?

B. B.: Das Unterirdische ist eine andere Zone. Ich war immer ein ungläubiger Thomas, ein Zweifler. Ich wollte immer alles prüfen. Manchmal versuchte ich, wenn ich mich in den unterirdischen Träumen befand, zu klären: Was ist mein „Links“ und was mein „Rechts“? Ich habe meine Links-rechts-Orientierung sehr gut behalten im Traum, aber unter der Erde war alles ganz neu, anders. Links und rechts verschoben sich. Wenn man sich im Traum in einem unterirdischen Belgrad befindet, ist es schon erstaunlich, dass sich die Orientierung nach dem Stand der Sonne verschiebt! In diesem Belgrad wandert die Sonne von der rechten Seite nach der linken und nicht von der linken nach der rechten.

J.M.: Also sind auch die Himmelsrichtungen dort unten verkehrt, Ost und West verdreht.

B. B.: Nun, zum Beispiel ein Morgen in diesem Belgrad: Ich bin mit der Eisenbahn angekommen, steige aus, und die Sonne ist zu meiner linken Hand statt zu meiner rechten. Ganz umgekehrt als im realen Kreislauf.

J.M.: Wann und wie haben Sie Ihre Träume notiert? Bestand ein großer Abstand zwischen der Zeit, in der Sie träumten, und dem Zeitpunkt, in dem Sie den Traum aufgeschrieben haben, oder haben Sie versucht, ihn möglichst bald nach dem Erwachen zu notieren?

B. B.: Ich wachte im Laufe einer Nacht zweimal, dreimal auf. Es gab diese Situationen, in denen ich absichtlich aufwachte, um etwas zu notieren. Ich besaß auch ein Diktaphon und redete zwei, drei Schlagworte hinein, um am Morgen meinen Traum rekonstruieren zu können. Damals war ich ein Nachtarbeiter und bin es heute noch. Ich arbeite in der Nacht und schlafe am Tage. Was für eine Menge von Diminutivformen von Gedanken erscheint in den Notizen! Die kleinen, kleinen Gedanken, die Gedankelchen. „Na bitte, erinnere Dich doch!“ Diese Gedanken sind wie kleine Insekten, sie kommen, sie fliegen wieder weg.

(Bogdan Bogdanovic nimmt verschiedene Zettel mit Traumnotizen aus dem Papiersack, liest sie und legt sie wieder zurück)

Hier, diese Notiz: Da war ein sehr schöner Tag, ein Sommertag im Winter. Und hier: die Kröte. Die Kröte taucht sehr oft auf in meinen Träumen. Sie ist sehr positiv konnotiert. Also, ich frage mich, worüber ein Baumeister und eine Kröte diskutieren können! Es scheint, dass die Kröte versucht, dem Baumeister etwas zu suggerieren, ihm etwas vorzuschlagen.

J.M.: Haben die Traumnotizen auf den Zetteln eine chronologische Reihenfolge?

B.B.: Ich bin immer ein bisschen Polytheist geblieben, und ich glaube, die Art und Weise, die Träume zu notieren, die hat mit der Klugheit der Götter zu tun. Ich habe meine Träume niemals datiert. Nun kann ich sie kombinieren, wie ich will. Ich kann sie in Gruppen von Bedeutungen zusammenfügen. Warum habe ich sie damals nicht datiert? Vielleicht wegen der Belgrader Kriegszeiten. Vielleicht wusste ich nicht, ob Tag ist oder Nacht, welcher Wochentag, welches Datum wir hatten, denn die Wohnung war immer verdunkelt. Es war immer eine Art von Nacht in der Wohnung gewesen.

J.M.: Wissen Sie noch, wann Sie begonnen haben, Ihre Träume aufzuschreiben?

B. B.: Sporadisch tat ich das schon während der Vorkriegszeiten. Aber besonders aktuell wurden die Aufzeichnungen für mich, als ich in den politischen Konflikt mit Milosevic eingetreten war. In den Interviews, die ich am Anfang noch für die jugoslawische Presse, später nur noch für die ausländische Presse gab, war ich sehr tapfer, kritisch, und ich bekam genügend Schwierigkeiten dadurch. Aber in meinen Träumen war ich nicht so.

Der Raum der Träume ist nicht der Raum der Wirklichkeit. Es ist ziemlich schwer, etwas aus dem Raum der Träume herauszunehmen, es in den Raum der Wirklichkeit hineinzunehmen und damit Wirklichkeit zu interpretieren, sie zu erklären. Es ist schwer, den Traum in der Wirklichkeit zu wiederholen. Mehrmals passierte es mir, dass ich im Traum etwas sehr Interessantes sah, und ich wollte das erhalten. Aber als ich das Bild wiederholen, aufschreiben wollte, merkte ich: Das ist banal, das ist nicht so besonders interessant, wie es noch im Traum gewesen war.

All dieses Traumfieber, diese Traummanie ist ein Erbe des Surrealismus. In meiner Jugend, noch im Gymnasium, fühlte ich mich als ein Surrealist. Es war auch kein Wunder, wenn ein Junge sich damals als ein Surrealist fühlte! In Belgrad gab es zu dieser Zeit eine eigene surrealistische Gruppe, die von André Breton beeinflusst war. Wir waren Trotzkisten nach dem Vorbild von Breton, wir orientierten uns nicht an Aragon. Und wir waren auch noch alles Andere, was nicht besonders gut war in der Perspektive der sozialistischen Verhältnisse. Aber wir waren doch Sozialisten – ein Paradox! Manche der Belgrader Surrealisten waren später Partisanen, sogar Partisanengeneräle wie Koca Popovic, ein begeisterter Literat und Surrealist. Im spanischen Bürgerkrieg hat er als hoch dekorierter Offizier gekämpft. Als Tito kam, wurden alle diese Surrealisten ziemlich gute Titoisten, aber sie waren zumindest Antistalinisten. Ich glaube, dass in dieser Abwendung Jugoslawiens vom Stalinismus, von der Russischen Revolution auch ein kleiner surrealistischer Einfluss am Werk war.

Der Surrealismus hat mich wirklich beeinflusst. Dass ich mich in solchem Maße mit meinen Träumen, mit nächtlichen Bildern beschäftige, das ist der Einfluss des Surrealismus.

J.M.: In der russischen Literatur hat der Surrealismus ja nicht sehr viel Einfluss gehabt.

Bogdan Bogdanovic: Keinen. In Tschechien gab es Surrealismus, aber in Russland nicht. Warum hat er dort in der Literatur keine Rolle gespielt? Vielleicht aus einem Grund: Russland selber ist ein surrealistisches Land!

J.M.: Unter den Traumaufzeichnungen, die Sie in „Der verdammte Baumeister“ wiedergegeben haben, gibt’s dieses Traumbild mit den Puppen, wo in dem kleinen Serbien, in dem kleinen Zimmer das jeweils noch kleinere Serbien, das jeweils noch kleinere Zimmer steckt. Wie die russischen Babuschkas. Versinnlicht das Bild jenes Serbien der Milosevic-Ära, das Serbien des Krieges, der Großserbien zum Ziel hatte und ein immer kleineres Serbien produzierte?

B. B.: So einfach ist das nicht. Diese Verkleinerung Serbiens in den Träumen hatte für mich einen kindlichen Wert: Ich mache etwas kleiner, kleiner und noch kleiner, bis es so klein ist, dass man es in eine kleine Schachtel stecken kann. Das klingt tragisch, ist es aber nicht unbedingt. Allerdings ist dieser Traum vom selben unangenehmen Typus wie der Traum mit dem Raben. Ich glaube, dieses Bild geht auf den Einfluss der Literatur zurück.

Äußere Einflüsse fließen immer mehr in unsere Träume ein: die Werbung, das Fernsehen, vor allem das Fernsehen! Was das Fernsehen mit menschlichen Träumen machen kann, ist schrecklich. Ich frage mich, wohin das führen wird. Menschen träumen bereits seit zehntausend Jahren und mehr. Bei Herodot finden sich interessante Träume. Es gab über lange Zeiträume hinweg keine Television, dennoch waren die Träume bildlich, selbstverständlich träumten wir in Bildern. Aber es war eine Bildlichkeit, die von innen, aus den Träumern selber kommt. Ich fürchte, dass wir jetzt in einer Bildlichkeit träumen, die von außen geprägt wird. Die Richtung der Bilder hat sich umgedreht, sie gehen nicht mehr von innen nach außen, sondern von außen nach innen. Anstatt zu träumen blicken heute viele Menschen in die Bildschirme. Sie lassen eine eingerahmte Schachtel für sich träumen.

J.M.: Sie glauben, dass das Fernsehen, dass die virtuelle Welt die Träume ersetzen kann?

B. B.: Ja, aber was für Träume sind das! Nur die standardisierten, die typisierten Träume. Was auf dieser Ebene sehr gefährlich werden kann, das ist die Manipulation der Träume. Denn diese Art von Träumen lässt sich leicht manipulieren. Man kann uns vorschreiben: Jetzt träumst Du eben das und das und das!

J.M.: In diesen manipulierten, standardisierten Träumen wird das andere Ich, das freundliche, ältere, klügere Ich, von dem Sie sprachen, nicht mehr vorkommen. Es wird stumm gemacht sein.

Bogdan Bogdanovic: Das Ich – das ist die heikelste Frage! Was bleibt vom Ich in einer modernen Welt, wie sie nun ist?

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